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  • „student! hat die Eigenschaft, einem den Schlaf zu rauben“

    Interview mit langjährigem student!-Chefredakteur Robert Briest

    Bei der Leipziger Hochschulzeitung student! kamen und gingen seit ihrer Gründung im Jahr 2000 viele Chefredakteure. Kaum einer blieb ihr aber so lange treu wie Robert Briest, der von 2008 bis 2014 dabei war und vier Jahre in der Chefredaktion mitwirkte. Heute arbeitet er bei der Mitteldeutschen Zeitung. Mit student!-Redakteurin Gesine Münch sprach er über die Freiheiten der Hochschulzeitung, warum die Unabhängigkeit für student! so wichtig ist und weswegen die Zeitung immer im Umbruch ist.

     

    student!: Unsere Zeitung hatte, besonders finanziell, oft schwierige Phasen, trotzdem besteht sie bis heute fort. Kannst du das Erfolgsgeheimnis verraten?

    Robert: Bei student! kommt es immer sehr auf den Anzeigenverkauf an. Wir haben den Vorteil, dass die Fixkosten vergleichsweise gering sind, die größten Kosten sind ja normalerweise Personalkosten – die bei uns gleich null sind. Wir überleben, weil es viele Leute gibt, die mit Herzblut an der Zeitung hängen und hier und da auch mal Geld dazugeben. Es hätte natürlich Auswege aus dieser Situation gegeben, indem wir uns einfach irgendwo angegliedert und Fördermittel beantragt hätten. Aber wir haben uns immer dagegen entschieden, weil uns diese Unabhängigkeit so wichtig ist. Es sollte keiner reinreden können, sodass die Zeitung nur ein Produkt derer ist, die sie auch machen.

     

    "student! muss pluralistisch sein."

    Ehemaliger Chefredakteur Robert Briest

    Wird die Unabhängigkeit des student! nicht ein bisschen zu wichtig genommen?

    Die Unabhängigkeit ist extrem wichtig. Man hat ja zum Beispiel an der Uni das „sturaktiv“ (2x jährlich erscheinendes Stura-Magazin, Anm. d. Red.) als Organ des StuRa, wo eine politisch gefärbte Sichtweise wiedergegeben wird. Natürlich sind wir in gewisser Weise von Werbekunden abhängig, aber das darf sich nie in der Zeitung widerspiegeln. Wir haben in der Medienbranche eh das Problem, dass die von den Lesern empfundene Glaubwürdigkeit verloren geht. Gerade deswegen ist es wichtig, dass man unabhängig ist. An der Hochschule kann man sich so auch den Luxus leisten, eben nicht zu gendern oder nicht eine bestimmte politische Richtung einzuschlagen. Student! ist das einzige unabhängige Medium, das es in den Leipziger Hochschulen gibt, und muss deswegen pluralistisch sein – es wäre schwierig, das beizubehalten, wenn man finanziell abhängig ist, sei es von einem Institut oder von einer verfassten Studentenschaft.

     

    Du warst drei Jahre lang Chefredakteur. Hat dein Studium manchmal darunter gelitten?

    Genau genommen war ich 4 Jahre lang in der Chefredaktion, eineinhalb Jahre Stellvertreter und zweieinhalb Jahre Chefredakteur. Ich habe versucht, sehr effektiv zu studieren, was im Bachelor-/Master-System auch geht. Man kann sich ja stark darauf konzentrieren, was notwendig ist, um durchs Studium zu kommen. Für mich stand relativ schnell nach dem Beginn des Studiums fest, dass ich Journalist werden will. Damit war die Prioritätensetzung klar. Ich habe mir gesagt, ich mache Journalismus und studiere nebenbei. Wir haben uns damals, als wir die Chefredaktion übernommen haben, aber auch bewusst dafür entschieden eine Dreierspitze zu machen, damit die Arbeit für den Einzelnen nicht zu viel wird.

     

    Was hat sich verändert während deiner Zeit bei der Zeitung?

    student! ist immer im Umbruch – das ist wichtig, da sich die Welt außen herum ja auch verändert. Als Doreen Hoyer, Knut Holburg und ich die Chefredaktion übernommen haben, waren wir schon zwei, drei Jahre dabei. Wir kannten die Zeitung gut und wussten, was schwierig ist und auch, was wir weiterentwickeln können. Wir haben dann die Seitenzahl auf 20 erhöht und neue Ressorts wie „Leipzig“, „Interview“ und „Sport & Spiele“ eingeführt. Das ist die Freiheit, die eine Hochschulzeitung bietet. Man kann einfach ausprobieren, was funktioniert und was nicht. Es war wirklich schön, wir haben uns neue Möglichkeiten eröffnet und Themen in die Zeitung gebracht, die vielleicht vorher so nicht möglich waren.

     

    Robert mit dicker Matte 2013

    Robert bei der wöchentlichen Sitzung, pflichtbewusst im student-blauen Pulli (2013)

    Was ist dir von deiner Zeit bei student! am Intensivsten im Gedächtnis geblieben?

    Die bleibendsten Erinnerungen sind die Nächte. Student! hat die Eigenschaft, einem den Schlaf zu rauben. Die Endredaktionen waren immer drei Großkampftage  – von Montag bis Mittwoch, donnerstags um sieben Uhr mussten die Druckdaten dann bei der Druckerei sein. Die drei Tage vorher ist man irgendwie vormittags zur Uni gegangen und den Rest der Zeit hat man im Büro verbracht. Mit drei Stunden Schlaf am Tag ist man dann, je nachdem wie gut es lief, um vier oder um sechs Uhr morgens fertig geworden, hat noch die Leute nach Hause gefahren und ist irgendwann zum Sonnenaufgang ins Bett gegangen. Wir haben auch unsere Rituale gehabt. Am letzten Tag um Mitternacht haben wir immer „Thriller“ von Michael Jackson gespielt. (lacht)

     

    Was war dir immer wichtig an der Hochschulzeitung?

    Wichtig an student! ist einerseits die Informationsfunktion, also die demokratische Kontrollfunktion. Gerade im Bereich Hochschulpolitik gibt es eigentlich keinen anderen, der die Vorgänge an der Uni mit kritischem Blick verfolgt. Der weitaus wichtigere Punkt ist aber der, dass die Zeitung eine wahnsinnig große Möglichkeit bietet, Erfahrungen zu sammeln. Man hat bei student! Zeitung von Grund auf, es gibt außer dem eigentlichen Drucken keinen Bereich, den man nicht selbst machen kann. Und man bekommt Einblicke hinter Türen, die man sonst nicht bekommen würde. Das macht ja den Reiz von Journalismus aus.

     

    Hat student! dich zu deinem jetzigen Beruf inspiriert oder wolltest du schon zuvor Journalist werden?

    Als ich angefangen habe zu studieren war mein Ziel, erst mal zu studieren. Ich bin dann durch meine Freundin zu student! gekommen. Da habe ich mir einen Artikel aufschwatzen lassen und nach einem Semester stand für mich fest, dass ich Journalist werden will. Mit Soziologie und Politikwissenschaften braucht man ja auch ein konkretes Ziel. (lacht) So gesehen ist student! Schuld daran, was ich heute mache.

    Hochschuljournalismus wie dieser ist teuer. Dementsprechend schwierig ist es, eine unabhängige, ehrenamtlich betriebene Zeitung am Leben zu halten. Wir brauchen also eure Unterstützung: Schon für den Preis eines veganen Gerichts in der Mensa könnt ihr unabhängigen, jungen Journalismus für Studierende, Hochschulangehörige und alle anderen Leipziger*innen auf Steady unterstützen. Wir freuen uns über jeden Euro, der dazu beiträgt, luhze erscheinen zu lassen.