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  • „Man muss das linke Lager stärken“

    Wahlsieger Sören Pellmann im Interview

    Der Grundschullehrer und Stadtrat Sören Pellmann ist der Protagonist des historischen Wahlsiegs der Partei „Die Linke“. Zum ersten Mal seit 1990 gewannen die Linken im Leipziger Wahlkreis Süd ein Direktmandat. Der Mandatsgewinn ist einzigartig für ganz Sachsen.
    Mit student!-Redakteurin Gesine Münch spricht er über Protestwähler, gesellschaftliche Zerwürfnisse und warum er keinen Wahlkampf gegen die SPD gemacht hat.

     

    student!: Wie gelang der Linken der Sieg im Wahlkreis Süd?

    Pellmann: Zum einen waren die Themen, die wir gesetzt haben, ausschlaggebend dafür. Wir haben sehr stringent eigene Themen präsentiert und in den Vordergrund gebracht und weniger diese „Antihaltung“. Die Besonderheit in dem Wahlkreis ist natürlich auch gewesen, dass es vereinzelte Unterstützung von SPD und Grünen gegeben hat, was die Direktwahl betrifft.

     

    Sehen Sie den Wahlsieg mit einem lachenden und einem weinenden Auge – bei 18% AfD in Leipzig?

    Zunächst sehe ich unser Ergebnis mit einem lachenden Auge, aber traurig macht mich schon, dass es offensichtlich eine Bewegung gibt, die Protest am rechten Rand sucht. Und für Leipzig kommen die Stimmen, die dahin gewandert sind, vornehmlich von der CDU.

     

    In Connewitz hat Ihre Partei mit großer Mehrheit gewonnen, während die AfD in Mockau eine mehr als solide Basis hat. Wie kann man gesellschaftspolitisch solchen Zerwürfnissen entgegenwirken?

    Wir haben in Leipzig tatsächlich ein Nord-Süd-Gefälle. In Connewitz und der Südvorstadt erreicht die Linke fast 40 Prozent und im Stadtteil, in dem ich arbeite, in Mockau, gilt die gleiche Prozentanzahl für die AfD. Das hat ganz viel mit sozialen Verwerfungen zu tun. In Mockau herrscht eine Kinder- und Jugendarmutsquote von 70 Prozent. Drei von vier Kindern und Jugendlichen leben dort von Transferleistungen.
    Da setzt genau das ein, dass man sagt: „Uns geht es schlecht, aber es geht uns wegen ‚denen‘ schlecht“. Die Ursachen, die da gesehen werden, die muss man entzaubern, und man muss dort etwas tun.
    Auch als Kommune ist da einiges tun. Zum Beispiel was die Zuzüge betrifft. Wenn man Hartz IV-Bezieher ganz gezielt in einzelne Stadtteile lenkt und bestimmte Stadtteile davon ausnimmt, funktioniert die soziale Durchmischung in einer Stadt nicht mehr. Das führt auch zu solchen Ergebnissen.

     

    Nahezu eine halbe Million der Wähler der Linken sind zur AfD übergelaufen – haben Sie dazu eine Erklärung?

    Es wird intensiv darüber diskutiert werden, was die Ursachen dafür sind. Auch darüber, wie man Protestwähler, die es immer geben wird, wieder nach links kanalisiert und dort einsammelt, ohne eigene Inhalte zu verbiegen. Ich glaube wir haben dann eine Chance, wenn wir die Probleme, die es in diesem Land gibt, hier angehen. Da gibt es insbesondere im Sozialbereich ganz viel zu tun. Wenn es den Menschen besser geht, dann ist auch das Verlangen nach Protest am rechten Rand nicht mehr so gegeben.

     

    Was kann Ihre Partei konkret im Bundestag einbringen?

    Wenn es tatsächlich zu einer Jamaika-Regierung kommt, muss man aufpassen, dass es nicht noch weiter bergab geht, insbesondere was die sozialen Verwerfungen betrifft. Wenn man sich die Schnittmengen der drei im Sozialbereich anschaut, dann sind die Grünen die einzigen, die da noch so ein bisschen aufpassen – was Rente, Kindergeld und  Mindestlöhne betrifft.
    Wir haben nur eine Chance, wenn wir das Problem Armut massiv angehen – und das geht nur über staatliche Zuschüsse. Damit schafft man wieder einen Solidaritätsgedanken in der Gesellschaft.

     

    Muss die „gesellschaftliche Linke“ offener gegenüber den „Abgehängten“ werden?

    Ich habe ein bisschen die Hoffnung, auch was das Gesellschaftspolitische betrifft, dass es eine Normalisierung im linken Bereich gibt, wenn die SPD jetzt mal wieder in der Opposition ist.
    Dass sich die SPD tatsächlich auf Ideale besinnt und dass man dann in vier Jahren auch mal die Chance hat links der Mitte eine Regierung zu bilden. Das funktioniert ohne SPD nicht. Auch in meinem Wahlkreis habe ich ganz bewusst die SPD nicht angegriffen, mein Gegner war die CDU.
    Es bringt uns wenig, wenn wir drei Prozent von der SPD bekommen, vier Jahre später die SPD von uns ein paar Prozent bekommt: in der Summe bleibt es dann gleich. Man muss das linke Lager stärken und das passiert nur, wenn man gemeinsam wirkt und nicht gegeneinander.

     

    Erreicht die Linke die sozial Schwächeren nicht mehr?

    Einige Wähler sagten: „Ihr setzt euch ja nicht für uns ein, ihr gehört ja auch zum Establishment und zu den de facto Regierenden mit dazu und deswegen wählen wir diesmal anders“. Die, die das aus einem Protest heraus tun, über die muss man nachdenken, wie man sie wieder zurückgewinnen kann. Ich glaube wir haben dann eine Chance, wenn wir die Probleme, die es in diesem Land gibt, angehen. Da gibt es insbesondere im Sozialbereich ganz viel zu tun. Wenn es den Menschen besser geht, dann ist auch das Verlangen nach Protest am rechten Rand nicht mehr so gegeben.
    Es gibt aber auch Menschen, die diese Partei am rechten Rand gewählt haben, die kriegt man nicht überzeugt, und die will ich auch gar nicht überzeugen.

     

    Was werden Sie persönlich im Bundestag angehen?

    Für mich ist wichtig, dass in den Wahlkreis gespiegelt wird, dass ich nicht nur das Mandat will und ich mich dann vier Jahre lang zurück ziehe, sondern von Beginn an auch klar den Wählern vermittelt wird, was ich angeschoben habe, wo ich dran arbeite. Dann soll gegebenenfalls auch gezeigt werden, dass nicht alles, woran man arbeitet, auch Erfolg haben wird. Da sind ja auch die Mehrheiten so, wie sie sind.

    Dass dann in die Bevölkerung und die Wählerschaft zurückzuspiegeln und zu sagen, das sind jetzt konkret so die zwei, drei Themenblöcke an denen ich auch für meine Heimatstadt arbeite. Da muss man sich Netzwerke suchen, zum Beispiel der Mietbereich wird eines der ersten Aktivitäten sein, die Problematik Gentrifizierung. Da gibt es große Netzwerke in Leipzig, die keine Lobby im Bundestag haben.

     

    Foto: Tino Pfund