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    „Der Leuchtturm“ ist die Geschichte zweier Männer, die auf einer einsamen Insel ihren Verstand verlieren. In 1920er-Stummfilm-Optik transportiert der Film Lagerkollerromantik vom Feinsten.

    Zwei Männer, eine einsame Insel, viele Seemöwen. Der Plot von „Der Leuchtturm“ klingt beim Lesen der Kurzbeschreibung wie Fontanes Deutschkurspflichtlektüre „Effi Briest“ – ganz schön zäh. Die Umsetzung ist alles andere als das.

    Ephraim Winslow (Robert Pattinson) kommt für eine vierwöchige Anstellung als Gehilfe des Leuchtturmwärters Tom Wake (Willem Dafoe) auf eine kleine Insel vor der kanadischen Atlantikküste. Die anfängliche Distanz zwischen dem wortkargen, jungen Ephraim und dem betagten Seemann Tom verschwindet immer dann, wenn die beiden beim gemeinsamen Abendessen die Schnapsflasche aufmachen. So weit, so normal. Bald will Ephraim nicht mehr hinnehmen, dass er stets die anstrengenden, niederen Aufgaben wie das Reparieren des Daches oder das Leeren der Nachttöpfe zugeteilt bekommt. Doch Tom beharrt auf seine Nachtschicht oben im Leuchtturm. Die Lampe darin ist laut ihm verwunschen; den Schlüssel zur obersten Etage des Turms legt er tagsüber unter sein Kopfkissen.

    Ephraims Frustration über die unfaire Aufgabenverteilung führt dazu, dass die beiden Männer eine Art Hassliebe entwickeln: Nüchtern lassen sie ihre schlechte Laune aneinander aus, nach der ersten Flasche Rum singen sie Seefahrerlieder und tanzen gemeinsam wie wild durch die Wärterbaracke.

    Willem Dafoe alias Tom Wake (rechts im Bild) und Robert Pattinson alias Ephraim Winslow (links im Bild) trotzen dem heftigen Sturm auf einem Felsen, während sie auf das Ablösungsboot warten, das nicht kommt.

    Das fürchterliche Wetter und die Schwarz-Weiß-Fotografie verstärken den düsteren Ton des Films.

    Als das Ablöseboot Ephraim nach einem Monat wieder ans Festland holen soll, zieht ein gewaltiger Sturm auf, der seinen Job unerwartet in die Länge zieht. Der anfangs so motivierte junge Arbeiter verliert nicht nur Geduld, sondern auch sein Zeitgefühl und letztendlich seinen Verstand.

    Pattinson und Dafoe brillieren in ihren Rollen als geheimnisvoller Jüngling und verkappter alter Wärter. Wer Ersteren im Jahr 2019 immer noch auf seine „Twilight“-Rolle reduziert, den sollte allerspätestens sein Schrei in der Endszene des Films – nicht weniger genial als Janet Leigh in der „Psycho“-Duschszene – eines Besseren belehren. Überhaupt wartet „Der Leuchtturm“ hier und da mit klassischen Horrorelementen auf, vom Axtmörder bis hin zu kreischender Geigenmusik á la Hitchcock ist alles dabei.

    „Der Leuchtturm“ ist jedoch kein Horrorfilm im herkömmlichen Sinne. Das schleichende Unheilvolle dominiert – es sind die Psychospiele zwischen Ephraim und Tom, die ein Schaudergefühl hinterlassen. Und dann ist da noch dieser unerwartete Fäkalhumor, wenn Ephraim den Inhalt des Nachttopfes gegen den Wind ins Meer schütten will…

    Was das Geheimnisvolle am Licht im Turm ist und welche Szenen – besonders gegen Ende des Films – Ephraims Wahnvorstellungen entsprungen sind und welche nicht, ist der Interpretation überlassen. In diesem Film ist nichts, was keine Symbolik mit sich bringt. Laut Tom bringt es Unglück, Möwen zu töten. Ephraim misst dem keine große Bedeutung zu, denn der Alte erzählt gerne schwurbelige Seemannslegenden, wenn der Abend mal wieder lang und flüssig wird. Schließlich bringt Ephraim wirklich einen der Vögel um, woraufhin lauter unheilvolle Dinge passieren. Dann sind da noch die Meerjungfrauen, die in Form einer kleinen Holzfigur unter Ephraims Kopfkissen und in seinen sexuellen Fantasien immer wieder – buchstäblich – auftauchen.

    Robert Pattinson alias Ephraim Winslow schaut besorgt aus dem Fenster des Wärterhäuschens. Er trägt eine Hose mit Hosenträgern und einen für die 1900er Jahre typischen Schnauzer.

    Ephraim (Robert Pattinson) versucht verzweifelt, das Geheimnis um die Leuchtturmlampe zu lüften.

    Das Verlangen nach Sex ist omnipräsent auf der kleinen Inselwelt von Tom und Ephraim. Wenig verwunderlich, wenn zwei Menschen wochenlang auf einer einsamen Insel verbringen, miteinander aber keinen Sex haben (eine gewisse Homoerotik knistert schon in der Luft, wenn die beiden hackedicht eng umschlungen tanzen, aber da wurde leider nicht mehr draus, Leute). Die Unzufriedenheit über die harte Arbeit und die gegenseitige Tyrannisierung wird durch die sexuelle Frustration noch verstärkt, gemeinsam transportieren diese ganzen Formen von Frustration eine schrecklich bedrückende und aussichtslose Stimmung. Gepaart mit dem fürchterlichen Wetter, dem immer wiederkehrenden, eindringlichen Nebelhorn-Geräusch und dem Plot-Twist des aufkommenden Sturms, der die Rückkehr ans Festland auf unbestimmte Zeit verhindert, sind das nervenaufreibende 109 Minuten.

    Regisseur Robert Eggers ist es gelungen, einen Film zu machen, der nicht nur straight outta the 1920s sein könnte, weil er schwarz-weiß und in fast quadratischem Seitenverhältnis gedreht ist. Die Kostümierung ist so detailgetreu und die Lichtgebung so dramatisch, dass man sich als Zuschauer ohne große Anstrengung in der Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende wiederfindet.

    Wer riskieren will, auch Stunden nach dem Gang ins Kino ein dröhnendes Nebelhorn im Ohr zu haben, der sollte diesen Film sehen. Alles andere spricht dafür.

     

    Ab 28. November im Kino

    Fotos: Universal Pictures International