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  • In meiner Welt

    Hobbys bereichern das Leben. Doch sie können es auch regieren, wenn die Leidenschaft Überhand nimmt. Kolumnistin Natalie denkt über die Liebe zum Schreiben nach, die Tore zu einer anderen Welt öffnet.

    Langsam dämmert es. Endlich, denke ich. Ich sehe der aufziehenden Dunkelheit freudig entgegen, während ich die Kerzen entzünde. Ich krame die Notizbücher heraus und verteile alles sorgsam auf dem Bett. Zu guter Letzt nehme ich selbst darauf Platz, ziehe meine Kuscheldecke über und platziere das Notebook auf meinen Knien.

    Erwartungsvoll, fast schon vorwurfsvoll blickt mich das weiße Word-Dokument an. Der Cursor blinkt freudig. Die Musik, passend zu der Stimmung des Kapitels, wird lauter über Lautsprecher und ich muss beginnen. Muss? Nun eigentlich will ich beginnen. Ab und an kommt es mir aber so vor, als gäbe es doch ein Muss. Eine Art Drang, der mich praktisch dazu zwingt den Worten in meinem Kopf freien Lauf zu lassen. Sie rauszulassen wie einen Tiger aus seinem Käfig, der gierig über das weiße Papier springt und es für sich beanspruchen will.

    Ich denke zurück an den einen Tag in meinem stickigen Lateinklassenzimmer, an dem ich beschloss: Ich werde Schriftstellerin! Gut, so hochtrabend habe ich es damals natürlich nicht formuliert. Ich war 13 Jahre alt und hatte soeben zum tausendsten Mal „Harry Potter“ durchgearbeitet. Entschlossen hatte ich die heimliche Lektüre beiseitegelegt und geglaubt, dass ich dieses und jenes anders formuliert hätte. Also habe ich ein weißes Blatt hervorgezogen und begonnen. Mit Bleistift auf weißem, unlinierten Papier. Während des Unterrichts. Eine Vorgehensweise, die sich bis zu meinem Schulabschluss nicht änderte.

    Letztendlich war das Schreiben für mich das Tor zu einer Welt, die nur mir gehörte. Die ich – wie Gott – erschaffen und bestimmen konnte. Die Welt auf dem Papier war schön und zauberhaft, die Helden mutig und unerschrocken. Sie konnten alles sagen, was ich nicht konnte oder mich nicht traute. Sie kämpften gegen die Dämonen, die mich in der Realität tagtäglich heimsuchten. Und sie siegten immer.

    Auch heute gibt mir das Schreiben etwas, was kein anderes Hobby jemals konnte: Macht, Leidenschaft und Begeisterung. Ich fahre mit der Bahn und höre Instrumentalmusik über meine Kopfhörer. Und ohne, dass ich es steuern kann, entwerfe ich vor meinen Augen epische Schlachten. Ich arbeite sie in Gedanken aus, schreibe die Dialoge in meinem Kopf. Ohne, dass es mir irgendjemand ansieht.

    Kolumnistin Natalie auf der Suche nach neuen Inspirationen

    Doch meine naive Zuversicht von früher ist fort. Ich lese die Meisterwerke der Weltliteratur, diskutiere in meinen Literaturkursen und frage mich: Wusste irgendeiner von diesen Autoren, dass sie gut waren? Dass sie soeben unvergessliche Geschichten geschaffen hatten? Ich frage mich, ob ich je so gut sein werde. Oder ob ich es längst bin, ohne es zu wissen. Oder ob meine Arroganz mich das glauben lassen möchte.

    Die wenigsten erfahren heute noch von meiner Leidenschaft. Ich dränge mich nicht mehr auf, denn ich weiß, ich schreibe vor allem für mich. Der Traum einmal durch einen Buchladen zu schlendern und ein Werk, das nur ich geschaffen habe in der Auslage zu sehen, ist dennoch ungebrochen. Ich denke, es ist wichtig, solche Träume zu haben. Solche, die vielleicht nie in Erfüllung gehen.

    Sie sind es, die uns nachts warmhalten und trösten, auch wenn alles den Bach runter geht. Sie sind es, die uns Hoffnung schenken. Auf ein anderes Leben, Erfolg, Anerkennung. Doch ab und an fürchte ich, dass ich mich in meiner Leidenschaft verliere. Dass ich vergesse, zu leben. In schweren Zeiten flüchte ich mich immer öfter in meine eigens geschaffenen Welten.

    Oftmals wünsche ich mir jemanden, der das alles versteht. Der nachfühlen kann, wie es ist, wenn mir eine Idee kommt. Wie das Kribbeln über meine Haut fährt und meine Finger nicht schnell genug tippen können für all die Dinge, die sich aus meinem Kopf ergießen wollen. Bestimmte Szenen sind wie Rauschzustände und reißen mich in Emotionen hinein, die nicht die meinen sind. Tränen fluten über mein Gesicht, wenn ich einen Charakter – eins meiner Babys – sterben lassen muss. Denn alles folgt einem Plan. Es ist ein Plan, den nur ich sehen und verstehen kann. Und wenn dann der Schlusspunkt gesetzt ist, überrollt es mich wie ein geistiger Orgasmus. Doch ich kann ihn mit niemandem teilen. Ich kann es niemandem erklären.

    Manchmal stelle ich fest: Das Schreiben kann ein sehr einsames Hobby sein. Aber so glücklich, wie es mich ab und an macht, ist es das auch allemal wert.

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