• Menü
  • Film
  • Land unter

    Das Leben auf dem Land ist nicht immer leicht. Es ist ein Ringen um den Erhalt von Perspektiven. Beim Dok-Filmfestival lief nun der Film „Landretter“, der Menschen zeigt, die genau das tun.

    Das idyllische Landleben – was traumhaft klingt ist oft eine Farce. In der Realität hat man mit Abwanderung, Verfall und teurer werdendem Land zu kämpfen. Die Dokumentation „Landretter“ begleitet Menschen an drei Orten, deren Missionen gänzlich andere sind, die aber trotzdem eines gemeinsam haben: leidenschaftliches Engagement für den ländlichen Raum.

    Da gibt es zum einen Karin Berndt, Bürgermeisterin im sächsischen Seifhennersdorf. In der Kleinstadt sollte 2012 die Mittelschule geschlossen werden. Berndt kämpfte dagegen. Zwei Jahre lang wurde an der Schule Protestunterricht weiter geführt. Lehrer*innen wurden aus dem Ruhestand geholt, die die Schüler*innen ehrenamtlich unterrichteten. Die Seifhennersdorfer Schulrebellen erlangten bundesweite Aufmerksamkeit und viel Zuspruch, doch nicht alle befanden den Kampf für sinnvoll. Berndt erzählt, dass manche Leute nicht mit ihr gesehen werden wollten, dass viele der Ungewissheit und der gefährdeten Versetzung ihrer Kinder nicht standhalten konnten und diese von der Schule nahmen. Der Film begleitet Berndt bei diesem langen Kampf, der bis vor das Bundesverwaltungsgericht ging.

    Vom Bauernhof nach Brüssel: Die zweite Protagonistin des Films ist Maria Heubuch, eine Bäuerin aus Leutkirch im Allgäu, die sich als Mitglied des Europäischen Parlaments (Fraktion der Grünen) von 2014 bis 2019 vehement dafür einsetzte, „Land Grabbing“ als Problem, auch im europäischen Raum wahrzunehmen. Unter Land Grabbing versteht man die Aneignung von Land durch wirtschaftsstarke Institutionen, Großkonzerne oder Investor*innen. Heubuch ist selbst Bäuerin, sie bewirtschaftet zusammen mit ihrem Mann einen Milchviehbetrieb. Gerade deswegen plädiert sie dafür, die Landkonzentration großer Konzerne einzudämmen, da es ländliche Infrastrukturen verändere und Kleinbauern die Existenz erschwere.

    In Großmugl, ein Dorf mit 650 Einwohner*innen im Schatten von Wien, engagieren sich Astronom Günther Wuchterl und Gastronom Karl Schillinger zusammen mit Bürgermeister Karl Lehner dafür, die Sternlichtoase über dem Ort zum Unesco-Weltkulturerbe zu erklären. Ein solcher Blick auf die Milchstraße und den Nachthimmel ist in Zeiten der Lichtverschmutzung selten geworden. „Landretter“ hält hier die Kamera auf die Großmugler*innen, die ihren Nachthimmel bewundern, während Wuchterl über die Sterne erzählt. Sein Enthusiasmus und seine ehrliche Begeisterung für Großmugl sind ansteckend. Doch auch hier sind die Prozesse zäh. Ob die Sternlichtoase am Leeberg bei Großmugl Unesco-Weltkulturerbe werden wird, ist noch ungewiss.

    „Landretter“ bleibt ganz unaufgeregt während der Film Prozesse zeigt, über die man sich doch aufregen könnte. Sieben Jahre lang haben Regisseurin Gesa Hollerbach und ihr Team an der Dokumentation gearbeitet. Ein langer Zeitraum, der sehr metaphorisch ist für das, was im Film gezeigt wird: Die langwierige Produktion verläuft parallel zu den langen, zähen Prozessen, die das Engagement für den ländlichen Raum mit sich bringt. Prozesse, die teilweise auch am Ende der Dreharbeiten noch nicht abgeschlossen waren. In ruhigen Bildern begleitet der Film wirkliche Landretter*innen und zeigt, wie viel Durchhaltevermögen aber auch Leidenschaft ihnen abverlangt werden. Engagement auf dem Land ist keine einfache Aufgabe, aber gerade deswegen eine unbedingte Notwendigkeit. Was drastisch klingt ist bittere Realität – zu schnell fallen ländliche Räume aus dem Fokus der Politik. Es braucht Eigeninitiative und Einsatzbereitschaft von Menschen wie Karin Berndt, Maria Heubuch oder den Großmugler*innen, die nicht akzeptieren, nicht gehört zu werden. Die Perspektiven schaffen oder erhalten wollen. Nicht nur für sich, sondern auch für nachfolgende Generationen.

    Ganz bewusst hat sich Hollerbach dafür entschieden, nicht zu zeigen, was scheitert und zerfällt, sondern, was auf dem Land aufgebaut wird, was man zu erhalten versucht. Es ist eine Hommage an Persönlichkeiten, die ihr Zuhause noch nicht aufgegeben haben, die bleiben wollen und die mit viel Kraft dafür kämpfen, das zu dürfen.

    „Landretter“ soll im nächsten Jahr in einigen Kinos laufen.

     

    Titelbild: Sophie Goldau

    Verwandte Artikel

    Gerne wieder, gerne besser

    Eine Podiumsdiskussion des Dok zum Umgang mit dem „politischen Gegner“ bot einige spannende Impulse. Schade nur, dass die Teilnehmer lieber aneinander vorbeiredeten und aufeinander rumhackten.

    Film | 4. November 2019

    Ein Wettlauf gegen die Zeit

    Im Rahmen der Retrospektive „BRDDR“ des Dok-Filmfestivals wurde ein Forschungsprojekt vorgestellt, das das audiovisuelle Zeitzeugnis der sächsischen Lokalfernsehsender kurz nach der Wende aufarbeitet.

    Film Wissenschaft | 7. November 2019