• Film
  • Der Blick für die kleine Geste

    David Will

    Ruhig und mit Liebe zum Detail: „Heart of Stone“ begleitet über fünf Jahre den jungen Ghorban, der als 13-jähriger Afghane in Paris ankommt und als 18-jähriger Pariser nach Afghanistan zurückkehrt.

    Hart musste er sein, um in diesen Jahren durchzuhalten, hart nicht seinen Mitmenschen, wohl aber sich selbst gegenüber. „Ohne Herz aus Stein hätte ich es nicht nach Europa geschafft“, sagt Ghorban im letzten Drittel dieses großartigen Films und als der Abspann läuft, können wir die Tragweite seiner Worte zumindest erahnen.

    „Heart of Stone“ verfolgt über einen Zeitraum von fünf Jahren das Leben des jungen Ghorban, der als 13-jähriger Afghane in Paris ankommt und als 18-jähriger Pariser nach Afghanistan zurückkehrt. Der Film teilt sich in zwei Hälften auf: In der ersten Hälfte sehen wir, wie Ghorban nach jahrelanger Reise, über die wir nur wenig erfahren, in die Obhut der französischen Behörden gelangt. Er wächst in einem Pariser Jugendheim auf und schafft es Stück für Stück, an den Privilegien der französischen Mehrheitsgesellschaft teilzuhaben. Trotz teils grotesker Behördenfehler und Jahren der Angst, in denen er seinen 18. Geburtstag und damit den Termin seiner Ausweisung näher rücken sieht, gewährt ihm der französische Staat ein Jahr nach seiner Ankunft den Schulbesuch und verleiht ihm dann kurz vor Erreichen der Volljährigkeit die Staatsbürgerschaft.

    Als junger Erwachsener zieht Ghorban in eine andere Gemeinschaftsunterkunft um, macht sein Abitur, kann das erste Mal wählen, wird schließlich an der Universität akzeptiert. Hier macht der Film einen Sprung: Die Zuschauer finden sich im Inneren eines Taxis wieder, zusammen mit Ghorban, der Arm in Arm mit seinen lange nicht, teils nie gesehenen Geschwistern auf eine namenlose afghanische Straße blickt. Für den Rest des Films begleiten wir Ghorban auf der Reise in das Dorf seiner Kindheit, erleben das Wiedersehen mit seiner Familie und erhaschen einen Blick auf die ungeheure Verantwortung, die sich Ghorban auf den Mohnfeldern seines Großvaters auferlegt.

    So weit, so berechenbar: Die Wirkung von „Heart of Stone“ liegt nicht im simplen Plot, dessen Entwicklung durch einen Vorgriff zu Beginn des Films leicht zu erahnen ist. Wegen teils restriktiver Drehbedingungen erleben wir außerdem in der ersten Hälfte des Films vieles nicht direkt mit. Stattdessen sind große Teile der Handlung nur den Gesprächen zwischen Ghorban und seinem Therapeuten zu entnehmen, wodurch sich einige Längen ergeben.

    Es ist das zärtliche und unaufgeregte Porträt seines Protagonisten, das diesen Film so sehenswert macht. In den 89 Minuten Laufzeit streift der Film eine Reihe von Themen: Depression und Trauma der Fluchterfahrung, demokratische Teilhabe und bürokratische Gleichgültigkeit, soziale Normen und die Frage nach Schuld und Verantwortung des Einzelnen. Dass der Film unter dem Gewicht seiner Motive nicht zusammenbricht, liegt daran, dass Ghorban nie nur das Vehikel größerer Zusammenhänge sein soll. Stattdessen bringen uns die Filmemacher Claire Billet und Oliver Jobard in ruhigen und kaum dramatisierten Bildern den Menschen Ghorban näher: Sein Verlegenheitslächeln, wenn er doch traurig ist, die Anspannung in den Schultern, als es scheint, die französische Bürokratie habe ihn vergessen, die Freude in den Augen, während er auf der Abiturfeier zum ersten Mal seit langem wieder tanzt, ungelenk von einem Bein aufs andere tappt – es ist der Blick für die kleine Geste, der diesen Film auszeichnet. Damit erreicht „Heart of Stone“ das Schönste, was uns ein Film bescheren kann: Wir lernen, wieder genau hinzusehen.

    Titelbild: DOK Leipzig 2019/ Olivier Jobard, Claire Billet

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