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  • Lateinamerikanische Filmtage: Eine Reise auf die andere Seite des Atlantiks

    Lisa-Naomi Meller

    Das eintönige Geräusch des Regens, Landschaften, die vor dem Busfenster vorbeifliegen, ein Zirkus: Vor diesem Hintergrund entfalten sich in „Tempestad“ (2016) die Geschichten von Miriam und Adela.

    Die beiden Frauen haben sich zwar wahrscheinlich nie getroffen, und der Dokumentarfilm „Tempestad“ lässt sie abwechselnd erzählen, trotzdem sind sie miteinander verbunden. Ihre Geschichten sind Teil einer größeren: Sie beide sind Opfer der in Mexiko herrschenden Gewalt und des Menschenhandels. „Tempestad“ ist der zweite Langfilm der salvadorianisch-mexikanischen Regisseurin Tatiana Huezo und wurde im Rahmen der 10. Lateinamerikanischen Filmtage vom 17. bis 26. Oktober in Leipzig gezeigt. Das Land Mexiko reichte den Film für die Oscars 2017 ein, er verfehlte jedoch eine Nominierung.

    Miriam wird zu Unrecht inhaftiert, die Polizei holt sie ohne Vorwarnung von ihrer Arbeitsstelle am Hafen weg und bringt sie ins Gefängnis von Matamoros, wo sie fast ein Jahr lang festgehalten wird. Die Wärter dort foltern sie und verlangen 500 Dollar pro Woche, nur um sie am Leben zu lassen. Der angebliche Grund für ihre Verhaftung: Menschenhandel, den sie nie begangen hat. Doch irgendjemand muss für die Verbrechen bezahlen, und in diesem von Korruption geprägten System ist es völlig egal, wer. Die wahren Täter bleiben ungestraft. Als sie schließlich freikommt und das erste Mal nach Monaten wieder in einen Spiegel blickt, erkennt sie sich selbst nicht.

    Eine junge Frau schläft in einem Bus, ihr Kopf lehnt am Fenster. Sie trägt ein blaues Oberteil. Es ist sehr dunkel, das einzige Licht der Neonröhren verschwimmt in der beschlagenen Scheibe.

    „Tempestad“ war die Einreichung Mexikos für die Oscars 2017

    Adela, die in einem Wanderzirkus lebt, sucht seit zehn Jahren nach ihrer Tochter Monica. Das Mädchen war 20, als sie verschwand, studierte an der Universität und arbeitete mit ihrer Mutter an einer Aufführung, bis sie eines Abends von einem Treffen mit einem Kommilitonen einfach nicht nach Hause kam. Wahrscheinlich war es eben dieser Studienfreund, der sie den Menschenhändlern übergab. Adela bekommt Erpresserbriefe: Wenn sie nicht bezahle, bekomme sie ihre Tochter in Stücken zurück. Später wird ihr selbst mit dem Tod gedroht, wenn sie nicht aufhöre, nach ihrer Tochter zu suchen. Die Polizei ist schlussendlich auch keine Hilfe. Doch Adela lässt sich nicht einschüchtern.

    Von Anfang an ist klar, dass es Regisseurin Tatiana Huezos nicht darum geht, die politischen Hintergründe des Menschenhandels zu beleuchten. Es geht ihr um die Personen, deren Geschichten sie begleitet. Um Empathie. Um Echtheit. Der Film will einem keine Fakten beibringen, er will Intimität herstellen.

    Auf einer Ablage am Fenster des Wohnwagens stehen mehrere Fotos von Monica, als Kind und als junge Frau, sowie eine brennende Kerze, ein paar Babyschuhe und eine Heiligenfigur.

    Die Fotos von Monica nehmen einen wichtigen Platz in Adelas Wohnwagen ein.

    Und das tut er: Auch wenn das Publikum nur Adela tatsächlich zu Gesicht bekommt, fühlt man sich beiden Frauen sofort verbunden. Wenn Miriam spricht, wirkt die Beziehung zwischen Bildern und Gesagtem manchmal fast beliebig, doch das ändert nur wenig an der Intensität des Films. Die langen, ruhigen Einstellungen, die Landschaftsaufnahmen und der Alltag im Zirkus weben einen visuellen Teppich, der es ermöglicht, sich voll und ganz auf die Stimmen der beiden Frauen einzulassen, die sich durch den gesamten Film ziehen.

    Die Stimmung, die Farben, alles ist düster und bedrückend, wie es das Schicksal der Frauen eben auch ist. Die Angst, die alles regiert, ist spürbar und greifbar. Man kann das ständige Klima der Gewalt nachempfinden, das uns normalerweise so unendlich weit weg erscheint.

    Adelas weiß geschminktes Gesicht im Spiegel, man sieht es nur zur Hälfte. Die Haare hat sie mit einer dunkelroten Mütze zurückgehalten. Sie trägt ein weißes Oberteil und blickt nach unten, im Hintergrund um den Spiegel eine dunkelblaue Wand.

    Hinter der weißen Clowns-Schminke versteckt Adela auch die Trauer um ihre Tochter.

    Der Film lässt einen mit dieser Angst zurück, aber auch mit einem Lichtblick, denn beide Frauen beweisen trotz ihrer Situation eine unglaubliche Kraft. Nachdem sie zurück nach Hause gekommen ist, zeigen sich bei Miriam Anzeichen eines Traumas: Sie meidet große Menschenmengen, kann ihren kleinen Sohn Leo nicht mehr in die Schule bringen, und klammert sich regelrecht an ihn. Erst als sie begreift, dass ihm damit schaden könnte, dass sie ihre Wunden an ihn weitergibt, kann sie ihm wieder mehr Freiraum lassen.

    Adela glaubt nach zehn Jahren immer noch an ein Wiedersehen mit ihrer Tochter. Die Drohbriefe sind ihr egal, aufgeben kommt für sie nicht in Frage. In einem wunderschön-seltsamen Moment sieht man, wie sie mit ihren Freundinnen im Zirkus erst herumalbert und lacht und sie sich in der nächsten Sekunde weinend in den Armen liegen und versteht: Die Quelle ihrer Stärke ist die Gemeinschaft.

     

    Copyright: Cinephil 2016

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