• Leipzig
  • Im deutsch-deutschen Schatten

    Benjamin Vogel

    Bis 1989 kamen etwa 60.000 Gastarbeiter aus Vietnam in die DDR. Ha Lan war eine von ihnen und ist geblieben. Eine Geschichte von Unsichtbarmachen, Anpassung und Zerrissenheit

    Im Eiltempo huscht Ha Lan durch einen kleinen asiatischen Lebensmittelmarkt im Dong-Xuan-Center in Eutritzsch. Papaya und Zwiebeln fehlen ihr noch. Alles wird schnell in Tüten verpackt. Die Kassiererin schlägt die letzten Preise ein, lässt die Kassenschublade gegen ihr Becken schlagen, Ha Lan bezahlt und verabschiedet sich.

    Sie zog 1987 aus Yên Bái im Norden Vietnams nach Leipzig, ihren Nachnamen möchte sie für sich behalten. Mit ihr kamen etwa weitere 60.000 Menschen, die Vietnam noch bis 1989 verließen und für fünf Jahre in DDR-Betrieben arbeiten sollten, doch Ha Lan und viele andere blieben bis heute.

    In den Markt geht Ha Lan öfter, hier findet sie Vertrautes aus ihrem einstigen Leben in Vietnam, aus einer Zeit vor ihrer Ankunft in einem Staat, den es bald schon nicht mehr geben sollte. Mit 21 Jahren kam Ha Lan in die DDR, um in einem Betrieb auf der Zschocherschen Straße zu nähen. Eine Wahl hatte sie damals nicht, als sie aus ihrer Heimat als Vertragsarbeiterin in den kommunistischen Bruderstaat geschickt wurde. In Leipzig angekommen, war ihre einzige Aufgabe, die Nachfrage nach günstiger Arbeit zu decken. Eine Integration in die ostdeutsche Gesellschaft war nicht vorgesehen. So blieben Ha Lan und ihre Kolleginnen unter sich, verbanden nichts mit dem Ort, an dem sie nur aufgrund der Ausbeutung ihrer Arbeitskraft waren. Wenn Ha Lan nicht arbeitete, schlief sie zusammen mit anderen Näherinnen in einem Wohnheimzimmer. Kein Fernseher, nur ein Radio und gesprochen wurde über das Leben in Vietnam und nicht über die DDR.

    Isoliert vom Rest der Bevölkerung, bekam Ha Lan damals nichts von einem Umbruch mit. Vom Mauerfall hat sie dann im Betrieb erfahren. „In einer Betriebsversammlung haben sie uns gesagt: Wer möchte, der bleibt hier, und wer gehen will, der geht“, erzählt Ha Lan. Kurze Zeit später war der Betrieb pleite, Ha Lan und ihre Kolleginnen arbeitslos und vergessen vom Großteil der wiedervereinigten Bevölkerung.

    Die ersten Jahre hielt sie sich mit Arbeitslosengeld über Wasser, schlug sich durch. Es folgten Jobs in Asia-Märkten, Imbissen, als Textilarbeiterin oder Hausmädchen, bis sie schließlich in einer Reinigungsfirma landete. Sie beschwert sich nicht: „Am Anfang war es schwer, nachdem die Mauer fiel. Man musste alleine wieder von vorne anfangen, aber dann wurde es irgendwann besser und jetzt ist alles gut.“ Nachts sei sie die ersten Jahre nach der Wende nicht rausgegangen, es sei zu gefährlich gewesen. Freunde berichteten ihr von rassistischen Übergriffen und Beleidigungen. In dieser Zeit hatte Ha Lan Angst: „Tagsüber bin ich arbeiten gegangen, da war das kein Problem, aber abends bin ich immer drinnen geblieben.“ Das ging etwa bis 1995, danach hätten die Anfeindungen aufgehört, erzählt sie. In den Westen wollte sie damals nicht, dorthin wo sie niemanden kannte. Daher blieb sie bis heute in Leipzig, wo Bekannte und Freunde aus Vietnam sind.

    Ihr Mann, den sie in Deutschland kennenlernte, kam genau wie sie als Vertragsarbeiter aus dem Norden Vietnams in die DDR. Nach der Wiedervereinigung heirateten sie und bekamen zwei Kinder. „Bis heute vermisse ich ein, zwei Sachen an Vietnam, vielleicht auch drei, vier“, aber eigentlich sei alles gut, versichert Ha Lan. Hier im Markt trifft sie Bekannte und Freunde, sie bestärken sich gegenseitig darin, dass auf schwierigere Zeiten immer bessere folgen.

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