• Kultur
  • Jazz ist auch Musik

    Jonas Waack

    Zwei alte Männer fragen sich bei einer Podiumsdiskussion der Leipziger Jazztage nach der Zukunft des Jazz. Am gleichen Abend antwortet ihnen Mette Henriette musikalisch.

    Mette Henriette steht auf der Bühne des gut gefüllten Schauspielhauses und stößt Luft durch ihr Saxofon – klang-, aber nicht tonlos – während der Cellist den Bogen über die Decke seines Instruments zieht und der Pianist die Saiten seines Flügels per Hand anschlägt. Dann wird es laut, alle drei Instrumente steuern melodisch auf einen Höhepunkt zu, bevor der Flügel plötzlich anfängt, leise Dreiklänge zu spielen, um die sich Saxophon und Cello herumwinden, nur um nach kurzer Stille wieder experimenteller zu werden, fast kakophonisch, aber eben auch nur fast. Mette Henriette spielt mit ihrem Trio Jazz, aber nur, weil Jazz so viel fasst und in sich vereint.

    „Jazz ist auch Musik“, sagt zwei Stunden und ein Stockwerk entfernt Wolfram Knauer vor einem Dutzend vornehmlich weißhaariger Menschen, als er von Wolf Kampmann gefragt wird, was Jazz für ihn ist. Die Podiumsdiskussion über eine deutsche Geschichte des Jazz steht unter der Frage „Aufmucken?“, Kampmann und Knauer beschäftigen sich anfangs aber lieber mit sich selbst als dem Thema. Sie fragen sich gegenseitig, wie sie zum Jazz gekommen seien – der Eine über das Mittagskonzert des ZDF, der Andere über die Dixieland-Szene Norddeutschlands – und was er für sie persönlich bedeutet. Kampmann und Knauer reden viel darüber, dass Jazz schützens- und fördernswert sei.

    Interessant wird es erst später, als sie über die Einzigartigkeit des deutschen Jazz sprechen. „Deutscher Jazz hatte mal eine einzigartige Klangfarbe, der ihn von internationalem Jazz unterschied, sowohl im Osten als auch im Westen“, erinnert sich Knauer. „Das spezifisch Deutsche daran war dieses Beim-Wort-Nehmen. Wenn Free Jazz gespielt wurde, musste er auch richtig frei sein, extrem frei.“ Westdeutscher Jazz sei dabei radikaler gewesen als ostdeutscher, ergänzt Kampmann: „Ostdeutscher Jazz war konstruktiver, er hat mehr zugelassen, mehr Traditionen mit einbezogen.“ Knauer versucht zu erklären: „Im Osten war es nicht so notwendig, gegen das Althergebrachte zu rebellieren. Im Westen waren die Nazis noch immer in der Öffentlichkeit.“ Ost- und westdeutsche Jazzmusiker*innen hätten dennoch beide das Gefühl gehabt, sich von der Vätergeneration abgrenzen zu müssen. Daher rühre der Unterschied zum restlichen europäischen Jazz der 60er Jahre.

    Wolf Kampmann und Wolfram Knauer reden gern über Jazz und sich selbst.

    Trotzdem, sind sich beide einig, sei Jazz in Deutschland nie subversiv oder revolutionär gewesen, weder im Osten noch im Westen. Auch in der DDR sei Jazz Teil des Überbaus gewesen, behauptet Kampmann. Die fehlende Politisierung des Jazz, über die sich heute viele Alte beschweren, stamme aus der Akademisierung, daraus, dass Jazz-Musiker*innen nicht mehr den Alltag der Menschen miterleben. Beide hoffen jedoch auf die junge Generation. „Die Fridays-For-Future-Bewegung zeigt das Bedürfnis, etwas verändern zu wollen. Vielleicht schwappt das von der Schüler- in die Künstlergeneration“, hofft Knauer und berichtet von jungen Jazzmusiker*innen, die sich intensiv mit der gesellschaftlichen Relevanz ihrer Musik auseinandersetzen. Kampmann kritisiert die Rückwärtsgewandtheit der Festlichkeiten zu 30 Jahren Friedlicher Revolution, bezeichnet es als „Ausruhen auf der Vergangenheit“. Jetzt sei der Moment zum Agieren, da Rechtsruck und Klimakrise öffentlich diskutiert werden. Er fordert eine Politisierung von Jazz: „Jazzmusiker müssen sich mit den Problemen der heutigen Zeit auseinandersetzen.“

    Genau das tut Saxophonistin Mette Henriette mit ihrem Trio auf der Bühne. Keine*r der drei Musiker*innen redet während des einstündigen Konzerts, weder zum Anfang noch zum Ende. Sie lassen ihre Instrumente für sich sprechen, pausenlos. In jedem ihrer Stücke klingt eine tiefe Sehnsucht mit, auch ein Hauch von Hoffnungslosigkeit. „Ich möchte überrascht werden, das Gefühl haben, eine Perspektivverschiebung zu erleben“, verlangt Knauer. Dem wird Mette Henriette beileibe gerecht, Vorhersehbarkeit kann sie sich nicht vorwerfen lassen. Hoffnungslosigkeit, Sehnsucht und Überraschung sind dabei besonders heute klar politische Themen. Sie macht deutlich, dass Jazz auch Musik ist, aber nicht nur. Wer sich nach der Zukunft des deutschen Jazz fragt, muss nur Mette Henriette zuhören. Sie wird antworten.

    Titelbild: Susann Jehnichen

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