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  • Wie Deutschland sich den Islam vorstellt und warum das ein Problem ist

    Alicia Kleer

    Ab dem 16. Oktober ist im Grassi-Museum für Völkerkunde zu Leipzig „Re:Orient ─ Die Erfindung des muslimischen Anderen“ zu sehen. Dort warten verschiedene Kunstwerke mit klarem politischen Anspruch.

    Direktorin Léontine Meijer-van Mensch weist gleich zu Beginn der Presseführung darauf hin, dass dies eine Ausstellung sei, die es so sonst in Museen eher nicht zu sehen gebe: „Die Ausstellung meint eine Reorientierung, auch für unser Haus.“ Sie betont die Wichtigkeit postkolonialer Kritik, gerade in einem Museum für Völkerkunde.

    In diesem Zusammenhang verweist sie auf Edward Said, der mit seinem Werk „Orientalismus“ wegweisend für die postkoloniale Kritik war. Der palästinensische Literaturprofessor enttarnte Bilder des sogenannten Westens vom „Orient“ als rassistische Zuschreibungen. Diese dienten einem westlichen Publikum zur Legitimierung kolonialer Machtausübung und der Befriedigung der eigenen Fantasien. Entscheidend ist für postkoloniale Theoretiker*innen, dass Wissensproduktion nie unpolitisch sein kann und immer der Ausübung von Macht dient. Die Mehrheitsgesellschaft erklärt gewisse Gruppen als fremd, diskriminiert sie und schließt sie aus, was in Anlehnung an Said als „Othering“ bezeichnet wird. Wissensproduktion über diese „anderen“ Gruppen findet auch in Museen statt. Diese Thematik greift die Ausstellung auf und problematisiert sie.

    Die beiden Kurator*innen Özcan Karadeniz und Anna Sabel arbeiten als Geschäftsführer und Projektleiterin für den Verband binationaler Familien und Partnerschaften, mit dem das Grassi-Museum für diese Ausstellung kooperiert. Zu sehen sind Fotografien, Filme und Rauminstallationen unter der Beteiligung neun verschiedener Künstler*innen.

    Die Ausstellung ist in vier Blöcke eingeteilt. Der erste heißt „Es war einmal“, der zweite steht unter dem Titel „Ordnung muss sein“, der dritte nennt sich „Das wird man wohl noch sagen dürfen“ und der vierte – der Märchenanalogie und Fantasie von 1001 Nacht getreu – „Und wenn sie nicht gestorben sind“.

    Der erste Raum wirkt wie ein klassischer Museumsraum und genau so ist er auch gedacht, erklärt Karadeniz. Ausgestellt sind unter anderem alte Dolche und Wasserpfeifen. Dieser Raum soll zeigen, „worum es eben nicht geht“.

    Mit dem „Gift der frühen Jahre“, so Karadeniz, beschäftigt sich der zweite Raum. Beispielhaft für scheinbar harmlose Rassismen und Orientalismen steht hier der Autor Karl May, der mit seinen Erzählungen über den „Orient“ unser Bild der Region geprägt hat. Im Raum sind Zitate und Buchseiten mit entsprechenden Passagen verteilt. Im zweiten Raum, der zum „Es war einmal“-Teil der Ausstellung gehört, sind orientalistische Malereien nackter Frauen zu sehen, die von der Künstlerin mit modernen Elementen wie Laptops aufgepeppt wurden und so die Aktualität der Thematik betonen.

    Museen seien, so Karadeniz, immer ein Raum der Kategorisierung, der Darstellung. Zu einer Zusammenstellung verschiedener Bilder in dem Block „Ordnung muss sein“ erklärt er: „Muslimische Frauen werden immer in erster Linie als Musliminnen wahrgenommen. Sie könnten auch als Sportlerinnen, oder als Menschen mit Kleingärten kategorisiert werden. Die Frage ist, wieso wählen wir diese Kategorie? Die ‚Anderen‘ werden immer nur in der Kategorie Religion oder Kultur wahrgenommen.“

    Sport, Deutschsein, Kleingärtnern. Aber gesehen wird nur die Kategorie „muslimisch“.

    Dass diese Wahrnehmung nicht harmlos ist, zeigen Block drei und vier. Denn: Diskurse sind mächtig. Sie führen zu Diskriminierung, wie die Fotografie „Hire me“ der Künstlerin Isra Abdou zeigt, auf der sie eine Perücke über dem Hijab trägt. „Isra ist Lehramtsstudentin in Berlin. Dort darf sie aber mit Kopftuch nicht arbeiten“, erklärt Karadeniz. Die Kurator*innen haben Künstler*innen ausgewählt, die sich in ihrer Kunst explizit mit antimuslimischem Rassismus auseinandersetzen. „Manche sind auch Jungkünstler*innen, mit denen wir gemeinsam ein Konzept entworfen haben“, sagt Kuratorin Sabel.

    Die Ausstellungseröffnung am Abend des 15. Oktobers ist gut besucht. Isra, die 23-jährige Fotografin hinter „Hire me“, ist dafür extra aus Berlin angereist: „Das Problem mit Rassismus existiert auch im liberalen Berlin und niemand redet darüber. Also müssen wir es tun.“

    Rassismus tötet – Proteste gegen NSU-Morde und Diskriminierung

    Die hässliche Fratze des Rassismus zeigt sich vor allem im letzten Block „Und wenn sie nicht gestorben sind“ – eine Andeutung darauf, dass Rassismus eben tödlich ist. Hier sind Fotos von Protestierenden zu sehen, gegen die NSU-Morde, gegen Abschiebung, gegen Diskriminierung. Zudem hängen dort Schweineköpfe von der Decke, wie sie auch Gegner*innen des Moscheebaus in Gohlis auf dem entsprechenden Grundstück auf Pflöcken aufgespießt haben.

    Auf die Frage, was man unbedingt aus der Ausstellung mitnehmen sollte, antwortet Karadeniz: „Wenn sie eine Irritation auslöst, ein Hinterfragen der eigenen Wahrnehmung, eine Auseinandersetzung mit der Thematik, dann ist für uns eigentlich schon viel gewonnen.“

    Angesichts der Aktualität von rassistischen Hassverbrechen, von Diskriminierung, Abschiebung und einem wachsenden dezidierten antimuslimischen Rassismus ist dies eine wichtige Ausstellung, zur richtigen Zeit – auch für Menschen, die eigentlich keine Museumsliebhaber*innen sind.

    Vom 16. Oktober bis zum 19. Januar gibt es die Sonderausstellung „Re:Orient ─ Die Erfindung des muslimischen Anderen“ im Grassi-Museum für Völkerkunde zu sehen. Jeden ersten Mittwoch im Monat ist der Eintritt kostenlos. Außerdem wird die Ausstellung von verschiedenen Veranstaltungen begleitet. Das Programm ist auf der Website des Museums einsehbar.

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