• Kultur
  • Barrieren erschlaffen durch künstlerisches Schaffen

    Nadja Maria Krawtschenko

    Die Offene Kunstwerkstatt demonstriert in ihrer neuen Ausstellung, wie ihre schwerst- oder schwerstmehrfachbehinderten Teilnehmer*innen sich mithilfe von Kunstwerken ausdrücken.

    Offen sind die Türen des D21 Kunstraums in Lindenau bereits vor dem offiziellen Veranstaltungsbeginn um 18 Uhr, wodurch die Offene Kunstwerkstatt (OKW) ihrem Namen auch symbolisch gerecht wird. „Werkstattkunst“ heißt die Ausstellung, die von den Teilnehmer*inen der OKW zusammengestellt und am Freitag, den 4. Oktober eröffnet wurde. Bis zum 10. November soll sie noch laufen.

    Kunst als Kommunikationsmittel – das ist das Leitmotiv der OKW, die ein Teil des Vereins Lebenshilfe Leipzig ist. Die Arbeit dort kann verschieden funktionieren. Oft findet sie in Tandems statt, also in Kooperationen zwischen Künstler*innen mit und ohne Behinderung. Beide Seiten beeinflussen sich gegenseitig. Konrad Thalmann, einer der mitwirkenden Künstler, verwendete zusammen mit seinen Tandempartner*innen japanisches Papier, das sie mit Wasser befeuchten und auf dem sie mit schwarzer Tusche ihre Kunstwerke erschaffen. Dabei sei es für ihn als Künstler eine Inspiration, zu beobachten, wie zum Beispiel seine Kooperationspartnerin Janet Schöne ganz in sich versinkt während sie malt. Denn als Künstler brauche man eigentlich sehr lange, um so frei zu werden. Da viele Teilnehmer*innen der OKW nicht sprechen können, stellt die Kunst, die sie erschaffen, ihre eigene Sprache dar. So können sie ihre Gefühle zum Ausdruck bringen.

    Von Florian Dorst und Katrina Blach aufgenommene Porträts der Teilnehmer der OKW

    In Form von Porträts werden die Künstler selbst zu Kunst.

    Idealerweise entstehen durch das gemeinsame Schaffen auch gemeinsame Kunstwerke. Die Künstlerin Katrina Blach fotografierte zusammen mit Florian Dorst andere Mitglieder der Lebenshilfe. Die daraus entstandenen Porträts sind Teil der Ausstellung. Doch es findet sich nicht nur visuelle Kunst, sondern auch akustische. Eine Soundstation, die ebenfalls von Dorst und Blach unter der Beihilfe der Studentin Franziska Franz ins Leben gerufen wurde, spielt Interviews vor. Zu hören sind Betreuer*innen von Menschen mit Behinderung, die sich deren Fragen stellen müssen, wie „Macht dir die Arbeit Spaß?“ oder „Was macht dir Spaß an der Arbeit?“. Bei dieser Begegnung geht es letztendlich um Unterstützung, darum sich gegenseitig ineinander hineinzuversetzen und einander gleichwertig zu beeinflussen. Denn „Unterstützung ist etwas, das auf Augenhöhe passiert“, meint Blach.

    In einem anderen Teil des Kunstraums befindet sich eine weitere Soundstation, mit fast zwei Dutzend Löffeln, die daneben befestigt sind. Aus dieser Station erklingt eine Musikstunde, die durch die Künstlerin Anna Schimkat initiiert wurde. Sie brachte Löffel mit in die Werkstatt, die unter allen Anwesenden aufgeteilt wurden. Aus den Teilnehmenden wurde eine Person bestimmt, die als Dirigent*in den anderen vorgab, welche Geräusche sie mit ihren Löffeln machen sollten.

    Soundstation, die Löffelmusik aus der Musikstunde mit Anna Schimkat vorspielt.

    Einfaches Besteck verhilft zu einer fröhlichen Musikstunde.

    Mit Beobachtungen zur Barrierefreiheit direkt beschäftigte sich die Künstlerin Paula Gehrmann in ihrem Projekt, das aus verschiedenen Latexobjekten und einer Installation aus Rollbrettern besteht. Bei den von ihr gefertigten Ausstellungsstücken verschwimmen die Grenzen zwischen Kunst und Gebrauchsgegenstand. So sieht man einen Griff an der Wand, an dem man sich eigentlich festhalten könnte, gleichzeitig erweckt er dadurch, dass er aus Latex ist einen labilen Eindruck. Außerdem dient vieles, was Gehrmann erschafft, als Display für die Kunst anderer Teilnehmer*innen. „Sie macht, dass die Kunst von Menschen mit Behinderung gesehen werden kann“, steht in der Beschreibung, welche auf einer ihrer Installationen platziert wurde. Generell wird Barrierefreiheit auch durch die unkomplizierten Satzkonstruktionen und die einfache Wortwahl verkörpert, in der alle Beschreibungen zu den einzelnen Stationen der Ausstellung verfasst sind.

    Paul Ziolkowski, der die OKW bereits seit 2013 leitet, hofft, dass sich die Teilnehmer*innen durch ihre künstlerische Betätigung angenommener und freier fühlen. Sie sollen selbstbewusster werden. Wie sie sich wirklich dabei fühlen, könne der Leiter nur erahnen. Die OKW und die Ausstellungen, die entstehen, sieht er deshalb letztendlich als einen Versuch, den Teilnehmenden bei der Stärkung ihrer Identität zu helfen. „Aber warum nicht? Ich denke es macht Sinn, Versuche zu starten“, erklärt Ziolkowski. Ein Versuch, der jeden Freitag von zehn bis zwölf Uhr abwechselnd in der Halle 14 und in der Ernst-Keil-Straße 15 stattfindet und von allen Interessierten besucht und unterstützt werden kann.

    Fotos: Pauline Reinhardt

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