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  • TV Club und Distillery finden gemeinsame Bleibe in Connewitz

    Luca Stickan

    Der TV Club und die Distillery ziehen in ein ehemals besetztes Bahngebäude in der Arno-Nietzsche-Straße. Ein Einzugstermin ist noch nicht bekannt. Die Pläne stoßen auf Gegenwehr.

    „Verpisst Euch“ ist in Großbuchstaben auf der herumgehenden Verteilerliste für die Veranstaltung zum Bürgerdialog zu lesen. Das UT Connewitz ist an diesem Dienstag gut besucht. Vertreter der Projektinitiative für das Gleisdreieck haben sich hier zusammengefunden, um über den neuesten Stand ihres Projektes zu berichten. Seit Juli steht es im Raum, auf dem Bahngelände in der Arno-Nietzsche-Straße ein Kulturzentrum mit zwei Leipziger Clubs zu errichten. Schon zu Beginn der Veranstaltung lässt sich feststellen: es gibt große Bedenken gegen das Vorhaben. Anwohner fürchten durch eine kommerzielle Nutzung des Geländes eine nachhaltige Veränderung der Umgebung und des Stadtteils. Vorbehalte gegen Partygäste sowie Angst vor Lärmbelästigung und Vandalismus prägen den Gesprächsverlauf. Zukünftig sollen weitere Bürgerdialoge für eine Annäherung zwischen den verschiedenen Parteien sorgen.

    Bekannt geworden ist das ehemals besetzte Gleisdreieckgelände der Bahn unter dem Namen Black Triangle. Das leerstehende Objekt war lange Zeit von der alternativen Szene okkupiert. Es wurde Anfang des Jahres von der Polizei geräumt, nun soll auf dem rund 10.000 Quadratmeter fassenden Grundstück ein vielfältiges Kulturzentrum entstehen. Neben den zwei Clubs, welche das Projekt höchstwahrscheinlich vor dem Aus bewahren, soll es Unterschlupf für diverse Künstler und Kreative jeglicher Couleur bieten.

    Anwohner in Connewitz werden dabei motiviert, sich aktiv in die Gestaltung des Projektes mit einzubringen, wie Vertreter des Vereins Freiräume am Dienstag zu verstehen geben. Sie bilden neben der Galerie KUB, der Distillery und dem TV Club die Stiftungsinitiative des Gleisdreiecks, welche sich aktuell noch im Genehmigungsprozess befindet. Erste Ideen reichen über die Einrichtung von Bandräumen und Kunstateliers, bis hin zu Selbsthilfegruppen und Werkstätten. Das Konzept für das Kulturzentrum könnte dabei auch als Vorbild für die Rettung anderer bedrohter Clubs in Leipzig dienen. Denn mithilfe des Projektes hoffen die Betreiber der Distillery und des TV Clubs, einen Standort ergattert zu haben, aus dem sie idealerweise nie wieder ausziehen müssen. Erste Renovierungen für das Gelände sollen Anfang kommenden Jahres stattfinden, der genaue Einzugstermin bleibt jedoch offen.

    Finanziell ermöglicht wird das Vorhaben durch eine eigens dafür ins Leben gerufene Stiftung. Sie solle als Eigentümer des Geländes wirken und die nicht-kommerzielle Nutzung des Areals gewährleisten, wie die Initiatoren mitteilen. Das erste Kapital für die Stiftung generiert sich nach eigenen Angaben aus Geldern der Stadtbau AG, welche der Distillery das Gleisdreieckgelände erstmals als neue Unterkunft angeboten hatten. Es handelt sich um Entschädigungszahlungen für den Rückzug aus den aktuellen Räumlichkeiten. Im Zuge einer GmbH-Neugründung haben der TV Club und die Distillery das neue Areal unlängst erworben.

    Die vollständige Finanzierung für das Projekt steht bisweilen trotzdem noch aus, da unter anderem noch ein Gutachten zum Brand- und Lärmschutz der Immobilie erstellt werden muss. Jedoch ist das Stiftungsmodell womöglich richtungsweisend für die Leipziger Clubszene. Durch neue Wohnungsprojekte in Leipzig musste in jüngster Vergangenheit bereits das So&So seine Türen schließen. Unter anderem auch, weil die eigene Lokalität ausschließlich angemietet wurde.

    Durch den Eigentumserwerb der Immobilie am Gleisdreieck soll das Blatt gewendet werden – zugunsten von Clubbetreibern und Kulturschaffenden. Es schaffe die Möglichkeit, unabhängig vom Immobilienmarkt agieren zu können und Großinvestoren nicht weiter zum Opfer zu fallen, so Steffen Kache von der Distillery. Das Objekt in der Arno-Nietzsche-Straße solle zudem dem freien Markt entzogen werden, fährt Kache fort. Erste Großinvestoren hätten bereits Interesse bekundet, an Ort und Stelle weitere Wohnprojekte zu errichten.

    Das Beispiel verdeutlicht die schwierige Situation der Clubszene ─ nicht nur in Leipzig. Sie befinden sich in der Schwebe, zum einen als profitorientierte Gastronomie und zum anderen als kulturell wertvolle Einrichtung zu gelten. So werden sie von offizieller Seite meist nicht als kulturelle, und demnach schützenswerte, Güter eingeschätzt. Dadurch fallen sie mehr und mehr großen Wohnungsbauprojekten zum Opfer. Nun besteht Hoffnung für den Erhalt wichtiger und traditionsreicher Clubs in Leipzig. Für die Initiatoren des Projektes scheint es zunächst jedoch am wichtigsten, den Anwohnern ein Gefühl zu geben, dass die Errichtung eines Kulturzentrums im Gleisdreieck eine Chance für den Erhalt kultureller Vielfalt ist und weniger ein Fortbestand von profitorientiertem Gewerbe.

     

    Titelbild: Luca Stickan

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