• Kolumne
  • Die Macht der Angst

    Nina Lischke

    Menschliches Handeln ist oftmals schwer nachvollziehbar. Doch hinter allem steht ein Bedürfnis und hinter einem Bedürfnis eine Angst – denkt Kolumnistin Nina.

    In den wenigen Momenten, in denen ich die Nachrichten noch an mich heranlasse, schüttele ich nur noch den Kopf. Wie kann ein Mensch dafür sorgen, dass das wichtigste Biotop der Welt zerstört wird? Wie können sich Unternehmer an Firmengeldern bereichern, obwohl sie doch schon so viel haben? Und warum töten wir überhaupt unsere eigene Spezies?

    Eine Frau mit einer Tasse Kaffee in der Hand

    Kolumnistin Nina will die Angst nicht mehr wegwischen.

    Es sind Fragen, die immer wieder durch die Windungen meines überforderten Gehirns geistern und die immer wieder in Sackgassen stecken bleiben. Doch seit einiger Zeit denke ich viel darüber nach, was hinter all dem stecken könnte. Woher kommen Geiz, Kontrollwahn oder Machtgeilheit? Wo fangen sie an und wo hören sie auf? Immer öfter musste ich feststellen, dass meine vorgeprägte Meinung zu einer Person, hervorgerufen durch ihr Verhalten, mich irreführte. Als ich etwas mehr hinter das präsentierte Bild des Menschen schauen konnte, wartete dort eine gewaltige Welt von Erfahrungen, Bedürfnissen und Ängsten. Alles, was ich davon mitbekam, war ein winziger Bruchteil dieses Inneren, das sich im Außen zeigte. Und so begann ich, mich nicht mehr mit „So ist es halt“ zufrieden zu geben. Ich will verstehen, warum es so ist.

    Was steckt hinter einem Parole-schreienden Rechtspopulisten, einem Gelder-veruntreuenden oder tötenden Menschen, einer dauernd lästernden Person? Ich glaube, dass hinter den meisten Dingen, von Rassismus, Sexismus und Habgier bis hin zu Machtgier, eine Angst steht. Angst, vielleicht in sich etwas Fremdes zu entdecken, das ich nicht verstehe, Angst vor Verurteilung. Angst vor Armut, vor Kontrollverlust, Angst davor, nicht geliebt zu werden. Wir alle tragen diese oder ähnliche Formen der Angst in uns. Wozu sich ihrer also schämen? Man sollte Angst aussprechen, sie sichtbar machen. Sie ist auch ohne Sprache schon real, sonst wären da ja nicht diese komischen Gefühle. Was wäre, wenn wir Angst annehmen und mit ihr weitergehen, sie nicht als Feind betrachten, sondern als einen natürlichen Daseins-Zustand?

    Warum lernen wir in der Schule eigentlich Graphen zu berechnen aber nicht die Bereitschaft und Fähigkeit, uns in andere Menschen hineinzuversetzen? Ist Empathie nicht der Schlüssel für ein gutes Miteinander? Es wird von der inneren Stimme, der Suche nach sich selbst und der Kraft der Liebe gesprochen. Aber nichts davon erreicht die Institutionen, in denen diese soziale Prägung so ungemein wichtig für die Bildung unserer Gesellschaft ist. Wie wäre es, wenn wir unsere Gefühle in die Lehrpläne inkludieren? Wenn wir lernen, sie auszusprechen und uns nicht dafür zu schämen, sie anzunehmen und damit zu arbeiten?

    Wenn ich mir die Nachrichten anhöre, habe ich Angst davor, dass wir Menschen uns immer weiter entfremden: von uns selbst, von unseren Mitmenschen, von der Natur. Dann habe ich Angst, nicht mithalten zu können mit meinen kleinen, verträumten Heile-Welt-Fantasien. Aber das ist okay. Die Angst ist da und ich wische sie nicht mehr weg. Ich weiß aber: Ich möchte dazu beitragen, Ängste sichtbarer zu machen, ihnen einen Raum zu geben und damit die Chance, zu etwas Neuem zu werden, sie in etwas Positives umwandeln. Etwas, für das wir uns nicht schämen, sondern auf das wir stolz sind. Weil es einfach dazugehört, zu unserem Sein.

     

    Fotos: Nina Lischke

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