• Film
  • Die besten Jahre

    Lisa Bullerdiek

    „Ein leichtes Mädchen“ ist nicht, was man von einem Coming-Of-Age-Film erwartet. Regisseurin Rebecca Zlotowski hat einen kleinen Schatz geschaffen, indem sie bewusst mit diesen Erwartungen spielt.

    Noch vor dem ersten Bild erfüllt das Geräusch der Zikaden die Luft. Dann Meeresrauschen. Es ist Sommer in Cannes. „Ein leichtes Mädchen“ erzählt von diesem Sommer und der Freundschaft zwischen der sechszehnjährigen Naima (Mina Farid) und ihrer Cousine Sofia (Zahia Dehar). Für Naima ist das ältere Mädchen ein Vorbild. Aus Cannes weggezogen, aus der kleinen Wohnung geflüchtet, wo der verstohlene Blick auf die Yachten im Meer der einzige Luxus ist. Sofia hat die Kluft überwunden. Sie weiß, was sie will und das ist Abenteuer und sie weiß, dass Männer sie wollen, dass sie die Augen nicht von ihr lassen können. Naima folgt ihrer 22-jährigen Cousine auf die Schiffe und in die feinen Restaurants der reichen Ausländer und erlebt dabei ein ganz anderes Leben, als sie es gewohnt ist, aber auch ein anderes, als sie erwartet hat.

    Naima (Mina Farid) und Sofia (Zahia Dehar) auf den Spuren des Luxus

    Mit Erwartungen spielt das Coming-Of-Age-Drama von Regisseurin Rebecca Zlotowski gekonnt. Im Mittelpunkt steht Sofia, die von Zahia Dehar gespielt wird. Zahia Dehar ist in Frankreich als Model bekannt und durch einen Prostitutionsskandal, zu dessen Zeit sie noch minderjährig war. Man merkt, dass die Regisseurin von dieser wahren Geschichte fasziniert ist. Auch im Film wird diese Faszination ausgegriffen. Dehar bleibt nicht als skandalumwobenes Wesen zurück. Sofia ist ein Mensch mit all den Hoffnungen und Träumen, die das Leben bereithält. Die Kamera folgt ihrem Körper fast zu nah. Sofia kann sich in jede Situation mühelos einblenden und steht trotzdem im Zentrum. Alle Figuren kreisen um sie, kriegen durch sie einen Sinn und doch bleibt sie als Mittelpunkt ungreifbar. Wenn Naima und ihre Cousine zum essen eingeladen werden sagt Sofia am wenigsten und wird doch am meisten beachtet. Auch der Luxus, der sie umgibt, das blaue Wasser des Pools und das leuchtend weiße Tischtuch, können davon nicht ablenken. Was genau sie will, weiß wohl nur sie selbst.

    „Ein leichtes Mädchen“ folgt der Struktur eines Coming-Of-Age-Films und ist es doch nicht. Denn in solchen Filmen geht es darum, sich lebendig zu fühlen, vielleicht zum ersten Mal und darum, im Moment zu versinken, in ihm zu ertrinken und für immer einen Teil von sich zu verlieren. All das ist „Ein leichtes Mädchen“ nicht.

    Die Strände der Côte d’Azur sind die Kulisse des Abenteuers.

    Es geht gerade nicht darum, zu versinken und es zu versuchen wäre ein Verrat an den Film. Stattdessen gilt es, zu beobachten. Denn auch das, und das ist die tiefere Wahrheit des Films, gehört zum Erwachsenwerden. Denn wer hatte nicht diese eine Person, der man nachgeeifert, die man beobachtet, deren Leben man begehrt hat, ohne die man wohl nirgendwo gewesen wäre. Wie im echten Leben ist es unmöglich, solch einem Menschen ganz nah zu kommen. Naima folgt ihrer Cousine. Zuerst eifert sie ihr nach, aber Sofia muss für das Leben, das sie führt, auch Opfer bringen. Naima muss sich entscheiden: Ist es das wert?

    „Ein leichtes Mädchen“ ist eine Hommage an diese zarte Art des Erwachsenwerdens, die Naima erlebt, an das Zuschauen und Abwägen, an die Entscheidungen die wir treffen müssen und an die Konsequenzen dieser Entscheidungen.

    Ab 12. September im Kino

    Fotos: Julian Torres Les Films Velvet

    Verwandte Artikel

    Krawall und Remmidemmi gegen die Abgründe des Menschen

    „Jeder stirbt für sich allein - Die Leipziger Meuten“ von Armin Petras, zu sehen im Schauspiel, widmet sich dem Widerstand zur NS-Zeit und scheut sich nicht davor Drama mit Stumpfsinn zu vermengen.

    Kultur | 3. September 2019

    Montagsjazz statt Montagsblues

    Mehr Jazz in Leipzig: Der Westflügel in Plagwitz veranstaltet seit Juni jeden Monat ein Konzert unter dem Titel Mondayboxxx mit dem Traditional Jazz Orchestra.

    Kultur | 15. Juli 2019