• Wahljahr 2019
  • Und nun?

    David Will

    Eine Woche lang waren wir in Sachsen unterwegs und haben querbeet mit Menschen gesprochen. Ihre Geschichten waren unterschiedlich, eine Tatsache können wir jedoch nicht verschweigen.

    Stereotype nehmen einem das Denken ab. „So isser, der Ossi“, titelte der Spiegel im August unter dem Bild eines Schlapphuts in Deutschlandfarben. Die Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg standen an und besonders in Sachsen sahen Umfragen die AfD so stark wie nie zuvor. Nach dem rechten Terror des NSU, nach Pegida und den Ausschreitungen von Chemnitz konnte nun eine in Teilen völkische Partei darauf hoffen, stärkste Kraft im Land zu werden. Also entdeckte eines der meistgelesenen Monatsmagazine Deutschlands „den Ossi“: So isser halt, was willste machen.

    Der Weg nach Chemnitz führt mich durch den Wald

    Um nicht nur in solchen Schablonen zu denken, bin ich rund eine Woche lang durch Sachsen gefahren und habe Menschen nach ihrer Meinung gefragt: Wie blicken sie auf die anstehenden Wahlen, welche Erwartungen haben sie an die Zukunft? Als gebürtiger Wessi muss natürlich auch ich mir den Vorwurf gefallen lassen, damit den Ostversteher markieren zu wollen – auch wenn ich kaum den Anspruch hatte, ein repräsentatives Bild von Sachsen zu zeichnen. Es ging mir vielmehr darum, für einen Moment aus der eigenen Blase herauszutreten, Orte und Menschen kennenzulernen und einen kleinen Ausschnitt ihrer Lebenswirklichkeit abzubilden.

    Meine letzte Etappe hat mich schließlich nach Chemnitz geführt. Nach einer eher ungemütlichen Nacht am Rand von Freiberg – der örtliche Campingplatz ist im Moment anscheinend wegen Granatfunden gesperrt – kann ich bei Yue und Viktor unterkommen. Die beiden wohnen in Kaßberg, einem Viertel nordwestlich des Zentrums von Chemnitz, in dem schön sanierte Gründerzeitbauten neben modernen Mehrfamilienhäusern und halbverfallenen Ruinen stehen. Yue und Viktor sind unglaublich aktiv auf der Plattform Couchsurfing, haben immer wieder Leute aus aller Welt in ihrer kleinen Wohnung zu Gast.

    Viktor kommt spätabends nach Hause, beim Essen erzählt er mir von seinem Alltag. Unter dem Eindruck der Ausschreitungen im Jahr 2018 ist er bei den vergangenen Kommunalwahlen für DIE LINKE angetreten, wenn auch erfolglos: „Die Waage schwankte nach rechts, da musste man links ziehen.“ Viktor gibt an der Volkshochschule Integrationskurse und kritisiert, dass die Teilnehmer im Grunde „keine Stimme“ hätten. Bei dem Gedanken an die Kommunalwahlen wird auch Yue wütend. Vor zehn Jahren ist sie aus Peking nach Chemnitz gezogen und obwohl sie hier lebt und arbeitet wie jeder andere, hat sie auch auf Kommunalebene kein Mitspracherecht darüber, wer in den Stadtrat kommt: „Warum darf ich nicht wählen, obwohl ich wie alle anderen Steuern zahle? Ich fühle mich verarscht!“

    In Kaßberg stehen schmucke Gründerzeitbauten neben Mehrfamilienhäusern und halbverfallenen Gemäuern.

    Am folgenden Tag mache ich mich endlich auf den Heimweg. Ursprünglich will ich nur bis ins MDV-Gebiet hineinradeln, verwerfe den Plan aber spontan und lege die ganze Strecke von Chemnitz nach Leipzig auf dem Rad zurück. Völlig erschöpft komme ich abends zu Hause an.

    Und nun? Wem es zuvor noch nicht bewusst war, dem sollte klar sein: Das Bild vom abgehängten, rechten Osten ist höchstens ein Teil der Wahrheit. Acht Tage war ich auf dem Fahrrad unterwegs, vier davon zusammen mit Simone. Ich war an eher abgelegenen Orten, in die sich kaum ein Fremder verirrt, und bin durch Gegenden gefahren, die mit ihren sonnenbeschienenen Weinhängen und urigen Städtchen Unmengen an Touristen anziehen. In dieser Zeit habe ich Menschen getroffen, die aus den unterschiedlichsten Motiven rechten Parteien ihre Stimme geben wollten.

    Der Weg nach Leipzig zurück war hart.

    Bei manchen sitzt der Frust tief: über die schlechte Infrastruktur, die fehlende Unterstützung von Bund und Land und über den Niedergang, der nach der Wende einsetzte. Andernorts sind die Straßen schmuck, es scheint an nichts zu mangeln – und dennoch entwickeln wohlsituierte Bürgerinnen ein Faible für rechtes Gedankengut. Andererseits habe ich Menschen kennengelernt, die sich teils unter widrigen Umständen für eine offene Gesellschaft einsetzen: Ich war auf einem Jugendfestival, dessen Veranstalter ein Zeichen für Toleranz setzen wollen, habe Kulturschaffende getroffen, die rechten Intellektuellen nicht das Feld überlassen, und einen Ort kennengelernt, in dem engagierte Nachbarn und aufmerksame Lokalpolitiker füreinander einstehen.

    Letzten Endes konnte die AfD am ersten September 27,5 Prozent der Stimmen in Sachsen auf sich vereinen. Das ist sogar mehr, als ihnen in den Umfragen vorausgesagt worden war, und ein Alarmzeichen für eine Gesellschaft, in der die Würde des Menschen Verfassungsrang hat. Strukturelle Benachteiligung, ein nach wie vor bestehendes Ost-West-Gefälle und das Trauma der Wiedervereinigung haben sicherlich das Ihre zum Rechtsruck beigetragen. Bei diesen Erklärungsversuchen darf man eines nicht vergessen: Den Rassismus, die Verachtung und den Hass, mit dem die AfD so viele Menschen für sich gewinnen konnte. Genauso aber muss man die anderen im Kopf behalten: Die Menschen, die an den unwahrscheinlichsten Orten für ein vielfältiges Miteinander eintreten. Sie können jede Unterstützung gebrauchen.

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