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    David Kreilinger

    Das niederländische Start-Up Meatable entwickelt tierleidfreies Fleisch im Labor. Einige Probleme der Technologie sind aber noch ungelöst.

    Stell dir vor du isst Fleisch, aber kein Tier stirbt dafür. Stattdessen wächst deine Frikadelle friedlich in einem Bioreaktor auf, ohne Gefangenschaft, Qual und Schlach­tung. Klingt utopisch? Das niederländische Start-Up Meatable will diese Idee verwirklichen. Laborfleisch, bezie­hungs­­weise In-Vitro-Fleisch (lat.. „im Glas“) ist echtes Fleisch, das unabhängig vom Tierkörper wächst.

    Statt ein ganzes Lebewesen großzuziehen, wird nur der kulinarisch interessante Teil, das Fleisch, erzeugt. Mithilfe einer neuen Stammzellentechnologie soll es in absehbarer Zeit möglich sein, aus nur einer Zelle große Mengen Fleisch zu züchten, indem die Forscher in Bioreaktoren herangezogene Mus­kel- und Fettzellen zu einer Art Hack­fleisch kombinieren.

    Grund­­­­­­­l­age hierfür ist die Entnahme sogenannter pluripotenter Stamm­­­­zellen aus dem Blut der Nabelschnur eines Tieres. „Pluripotente Zellen besitzen zum einen die Fähigkeit, sich selbst zu erneuern und zum anderen, sich in andere Zelltypen zu entwickeln“, erklärt Thomas Magin, Professor für Biologie an der Universität Leipzig. „Durch die Kultivierung im Labor können diese dazu gebracht werden, sich beispielsweise in Muskel-, Haut- oder Nervenzellen zu differenzieren.“ Zu diesem Zweck werden spezielle Laborbeding­ung­en geschaffen, die es erlauben, Faktoren zur schnellen Vermehrung von Zell­gewebe und zur Zelldifferenzierung zu kontrollieren.

    Bisher war die Herstellung von In-Vitro-Fleisch dabei auf fetales Kälberserum angewiesen, das verschiedene förderliche Faktoren beinhaltet. Der offensichtliche Nachteil an dieser Methode ist, dass fetales Kälberserum aus dem Herzblut ungeborener Kälber gewonnen werden muss. So präsentierte Mark Post von der Universität Maastricht schon 2013 den ersten In-Vitro-Fleisch-Burger, war bei dessen Herstellung aber auf das umstrittene Nährmedium angewiesen. Seitdem wurden neben seinem Mosa Meat diverse andere Start-Ups wie Memphis Meats aus Kalifornien oder das israelische Aleph Farms gegründet. Das Forscherteam von Meatable behauptet nun, die nötigen Fak­toren gut genug zu kennen, um beim Herstellungsprozess ihres Fleisches auf Kälberserum zu verzichten und damit wirklich tierleidfreies Fleisch herstellen zu können.

    Doch auch wenn das ambitionierte Vorhaben gelingt und in ein paar Jahren die erste Bulette auf dem Teller landen sollte, sind einige Probleme der Technologie noch ungelöst. Ne­ben gutem Geschmack des Fleisches, der sich nicht nur in Muskel- und Fettzellen erschöpft, sondern von vielen anderen Faktoren abhängt, fehlt In-Vitro-Fleisch die Struktur von herkömmlichem Fleisch. Vorrichtungen, die Muskelkontraktionen nach­­­ahmen und da­durch die Fleischstruktur ver­bes­s­ern sollen, stecken ebenfalls noch in der Entwicklung. Prinzipiell scheint In-Vitro-Fleisch im Vergleich zu gewöhnlicher Tierzucht einen großen Vorteil zu haben, da diese einen enormen Ressourcenverbrauch für nur geringe Fleischmengen hat. Dem gegenüber stehen Labormaterialien, der Betrieb der Bioreaktoren, ständige Qualitätskontrollen und etwaiger Abfall der Produktion. Ob In-Vitro-Fleisch nicht nur eine tierleidfreie, sondern auch ökonomisch und ökologisch sinnvolle Alternative darstellt, ist noch ungewiss. Aber die Jagd nach künstlichem Fleisch ist eröffnet.

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