• Hochschulpolitik
  • „Wir brauchen mehr Europa“

    Pia Benthin

    Bundesaußenminister Heiko Maas war zu Besuch in der Bibliotheca Albertina. Dort hielt er einen Vortrag über die aktuellen Herausforderungen der auswärtigen Politik.

    Für einen warmen Sommerabend ist es vergangenen Dienstag überraschend voll in der Albertina. Doch heute gilt es nicht, den besten Platz im Lesesaal zu finden, um an der Hausarbeit zu arbeiten, heute heißt es Schlange stehen für hohen Besuch. Der Abend steht unter dem Titel „Aktuelle Herausforderungen der auswärtigen Politik: Iran, Trump, Brexit und Europe united“, und wird organisiert vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Leipzig, der Europa-Union Deutschland, dem Landesverband Sachsen, den Jungen Europäischen Föderalisten Sachsen und dem Europa-Haus Leipzig. Ein klarer Anlass für den Besuch ist nicht erkennbar.

    Astrid Lorenz, die Direktorin des Politikwissenschaftlichen Instituts der Universität Leipzig, und die Vorsitzende der Bürgerinitiative Europa-Union Katharina Wolf eröffnen den Abend. Sie moderieren durch die fast zweistündige Veranstaltung, denn nach dem Vortrag von Herrn Maas soll es eine Diskussionsrunde geben. Als der Außenminister den Saal betritt ist alles plötzlich erstaunlich still. Die ehrfürchtige Stimmung lockert der SPD-Politiker schnell mit einem Witz darüber auf, dass die Albertina durch die Doppelspitze von Ulrich Johannes Schneider und Charlotte Bauer geführt und er das mit nach Berlin nehmen werde.

    Die Stimmung während des Vortrages ist recht gut, auch wenn es um ernste Themen geht.

    Das Publikum ist bunt durchmischt, unter den rund 200 Anwesenden sind viele Studierende, aber auch ältere Generationen sind vertreten. Genauso bunt sind die Themen des Abends, die man rundum nur mit Außenpolitik zusammenfassen kann. Dass die anwesenden Menschen ganz Unterschiedliches beschäftigt, wird beim Verlesen der Karten klar, auf welchen man vor der Veranstaltung Fragen an den Minister richten konnte. Jüngere Fragende scheint vor allem die Klimakrise zu interessieren, zum Ende hin werden aber auch komplexe Fragen zum Iran-Konflikt und dem G7-Gipfel im französischen Biarritz gestellt.

    Maas antwortet ausführlich und sehr bedacht auf jede Frage. Während der Fragerunde zieht er das Jackett aus und krempelt die Ärmel seines Hemdes hoch, manchmal sitzt er locker auf dem Podium. Für die Fragen aus dem Publikum nimmt er sich Zeit. Auch gibt es durch grüne und rote Stimmungskarten die Möglichkeit selbst aktiv zu werden. Bei der Frage, ob Deutschland mehr Flüchtlinge aufnehmen sollte, wird klare Zustimmung mit den grünen Karten angezeigt. Ob ein Denken à la „Germany first“ gut sei, wird mit rot verneint. Das Publikum scheint auf einer Wellenlänge miteinander, aber auch mit dem Minister zu sein. Hier wird die Homogenität der Anwesenden schnell sichtbar. Der Politiker meint, dass es ihm oft so gehe. Auf solchen Veranstaltungen erreiche man nur Menschen, die meist schon von ähnlichen Werten überzeugt seien, und nicht die, die man überzeugen müsste. Das sei gerade jetzt fatal in einer „Zeit, in der wir mehr Europa brauchen, nicht weniger Europa“, sagt Maas und kommt damit auf das erstarkende nationale Denken auch in Deutschland zu sprechen. „Die Herausforderungen unserer Zeit können nicht mehr national gelöst werden.“ Solche Herausforderungen sind laut dem 52-Jährigen Globalisierung, Klimawandel, Digitalisierung und Migration. Dabei spielten nationale Grenzen keine Rolle mehr.

    Während des Abends wird immer wieder nach der Meinung des Publikums gefragt. Grün bedeutet Zustimmung, Rot Ablehnung.

    Nach dem knapp halbstündigen Vortrag von Maas folgt ein Frage-Antwort-Spiel. Was als Diskussion angekündigt war, ist keine. Auf eine Frage aus dem Publikum kommt eine Antwort des Ministers, manchmal noch eine Abstimmung der Zuschauenden. Auf einfachere Fragestellungen etwa ob man mit Politikern wie dem brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro überhaupt sprechen sollte, gibt es unter hoher Beteiligung viel Zustimmung. Auch Maas sagt: „Diplomatie heißt nicht mit Leuten zu reden, mit denen man einer Meinung ist.“ Komplexeren Themen folgen viele Enthaltungen und vom Minister meist die Antwort: „Das ist nicht so leicht.“ Als Maas selbst Fragen ans Publikum stellen soll, wird nach der ersten Frage die Runde abgebrochen. Maas wollte mit der Frage in Richtung der Landtagswahlen am kommenden Sonntag gehen, da legt Moderatorin Lorenz ihr Veto ein. Es sei schließlich keine Wahlkampfveranstaltung.

    Alles in allem ist es ein sehr Pro-Europäischer Abend unter vielen Gleichgesinnten. Der hohe Besuch, wie Lorenz ihn nennt, trifft auf viel Zustimmung und hat immer eine wortgewandte Antwort parat. Man bleibt mit einem sympathischen Eindruck, aber auch vielen offenen Fragen zurück. Die globalen Probleme scheinen so groß, dass sich Maas schließlich lieber auf etwas Simples besinnt am Ende: „Frieden ist eine Form von Selbstverständlichkeit geworden, er ist aber keine. Wir leben in Zeiten wo dieser Frieden von innen und außen bedroht wird. Jeder kann seinen Teil dazu beitragen, wie Deutschland, auch im Ausland, wahrgenommen wird. Menschen sollen sich hier mit Respekt gegenübertreten, egal woher sie kommen. Ich denke, diese Meinung vertritt die Mehrheit und ich wünsche mir, dass die Mehrheit laut ist.“

    Fotos: Leonie Asendorpf

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