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    Maximilian Berkenheide

    Vor einem Jahr ist der Hentrich & Hentrich-Verlag für jüdische Kultur und Zeitgeschichte nach Leipzig gezogen. Unser Autor Maximilian Berkenheide hat sich mit Verlagschefin Nora Pester unterhalten.

    Der Hentrich & Hentrich-Verlag ist der der einzige Verlag für jüdische Kultur und Zeitgeschichte in Deutschland und ist in turbulenten Zeiten nach Leipzig gekommen. Ein Gespräch über Antisemitismus, düstere Vorahnungen und das neue jüdische Viertel in Leipzig.

    luhze: Am 1. September jährt sich Ihr Umzug von Berlin nach Leipzig zum ersten Mal. Wie geht es Ihnen heute?

    Nora Pester: Es geht uns sehr gut hier in Leipzig! Es ist anders geworden, als wir uns das vor unserem Umzug vorgestellt haben, weil wir dachten, dass wir nicht mehr ganz so viele Termine wie in Berlin hätten. Das war aber ein kompletter Trugschluss. Gerade jetzt in den Sommermonaten fällt mir auf, dass unglaublich viele unserer Autoren und Herausgeber nach Leipzig kommen, weil Kongresse stattfinden, Familienfeierlichkeiten oder weil sie einfach ein paar Tage Urlaub machen. Leipzig ist wirklich eine extrem beliebte Stadt!

    Ansonsten sind wir jetzt mitten in der Vorbereitung unseres Herbstprogramms, weil wir wieder auf die Frankfurter Buchmesse fahren. Dort wurden wir eingeladen, über Diversität und Inklusion in der sächsischen Medienlandschaft zu sprechen.

    Was hat der Hentrich & Hentrich-Verlag mit Inklusion zu tun?

    Wir als Verlag können, glaube ich, nur insofern einen Beitrag zur Inklusion leisten, indem wir über den Umgang mit Minderheiten in der Gesellschaft sprechen. Und ich glaube, Antisemitismus ist ein Lackmustest für die Gesellschaft, wie sie allgemein mit anderen und mit Minderheiten umgeht. Das ist auch etwas, was wir mit unserem Programm immer wieder versuchen zu transportieren. Es geht hier nicht um das Fremde, sondern darum, wie eine Gesellschaft es schafft, Vielfalt aufrecht zu erhalten, zu unterstützen und zu schützen.

    Haben es jüdische Literatur oder Werke von jüdischen Autor*innen  in Deutschland schwerer als in anderen Ländern?

    Ich kann es an einem konkreten Beispiel sichtbar machen. Wir haben gerade eine Übersetzung aus dem Französischen veröffentlicht. Georges Bensoussans „Die Juden der arabischen Welt“, das in Frankreich sehr erfolgreich war. Er beschäftigt sich darin mit der Vertreibung der Juden aus den arabischen Ländern im Zuge der Gründung des Staates Israel. Kaum jemand weiß, dass diese Länder ihre jüdische Bevölkerung, eben im Zuge der Gründung des Staates Israel, ausgewiesen, zum Teil auch enteignet haben, obwohl diese dort eigentlich ansässig bleiben wollte. Nach dem Motto: Ihr habt jetzt euer Land, haut ab. Diese Form des Antisemitismus und der Judenverfolgung als historische Epoche nach 1945 ist in Deutschland weitgehend unbekannt. Als Georges Bensoussan, selbst Jude aus Marokko, der in Paris lebt und als Wissenschaftler arbeitet, das publizierte und in Frankreich auf sehr, sehr große Resonanz stieß, war ich mir sicher, dass es in Deutschland längst einen großen deutschen Verlag gibt, der sich die Rechte dafür gesichert hat. Als ich den französischen Verlag ansprach, war ich aber die Erste und hab die Rechte auch sofort bekommen.

    Sie haben zur Neueröffnung des Verlags in Leipzig gesagt: „Getreu meinem Motto‚ Wer, wenn nicht du? Wann, wenn nicht jetzt?‘ ist es genau der richtige Zeitpunkt, um als jüdischer Verlag in Sachsen historisch und politisch Stellung zu beziehen.“ Warum gerade jetzt? Warum gerade Sie?

    Der Hintergrund unseres Umzugs war ja zunächst ein ganz pragmatischer. Unser Mietvertrag endete und der neue in Berlin hätte 150% mehr Miete bedeutet.

    Aber zwischen der Entscheidung nach Leipzig zu gehen – die im März 2018 gefallen ist – und dem Umzug Ende August 2018 ist nochmal unglaublich viel passiert. Die AfD wurde stärker. Just in der Woche unseres Umzugs fanden die Ausschreitungen in Chemnitz statt. Ich hatte die Presseinformation, dass wir umziehen, schon vorher vorbereitet. Dass da nun in der Überschrift stand: „Jüdischer Verlag zieht nach Sachsen“, hat natürlich eine völlig neue Dimension bekommen.

    Zeitgleich haben wir ein Buch von unserem Autor Julius Schoeps veröffentlicht: „Düstere Vorahnungen“, was schon zwei Jahre vorher geplant war. Und als ich das Manuskript nochmal las, wurde mir bewusst, wie sich bestimmte Mechanismen etabliert und seit 1932 in keinster Weise verändert haben, auch wenn es damals noch kein Facebook, Instagram, Twitter gab. Aber die Mechanismen, wie sich bestimmte radikale Gruppen vernetzen, wie sie gesellschaftlich Diskurse bestimmen und Ängste schüren, sind dieselben geblieben.

    Einer der Schwerpunkte Ihres Verlags liegt auf Biographien und Memoiren jüdischer Männer und Frauen. Warum ist das so?

    Das Ziel der Reihe „Jüdische Miniaturen“ ist es, Biographien jüdischer Persönlichkeiten in einem leicht verständlichen, kompakten, preisgünstigen Format und einer Form zugängig zu machen, die nicht den Opferstatus in den Fokus nimmt. Das sieht man schon rein äußerlich, bevor man einen dieser Bände aufschlägt. Sie sind total bunt. Das ist bewusst. Wir wollen nicht grau, braun, schwarz veröffentlichen, also auch nicht schwarz-weiß, sozusagen. Wir haben ganz viele Beispiele in dieser Reihe, die sagen, wir waren Kommunisten, Sozialisten, Künstlerinnen, Politikerinnen, aber eigentlich zweitrangig, drittrangig Juden. Sie wurden von ihrer Umwelt dazu gemacht.

    Wie heißt denn Ihr Lieblingsbuch?

    Ich habe kein klassisches Lieblingsbuch. Ich würde die Frage eher so beantworten, welches Buch am nachhaltigsten gewirkt hat und es wert ist, mit  dem Abstand von einigen Jahren immer mal wieder gelesen zu werden. Das ist das Tagebuch der Anne Frank.

    Als ich das Buch zum ersten Mal las – gab es ja auch in der DDR – habe ich es natürlich vor einem ganz anderen Hintergrund wahrgenommen. Da war es die Verfolgungsgeschichte eines ungefähr gleichaltrigen Mädchens. Einige Jahre später habe ich es historischer gelesen. Da wusste man schon mehr über Nationalsozialismus und Holocaust, es wurde mehr zu einer Art Sachbuch. Und als ich es vor drei, vier Jahren wieder einmal las, war es für mich auf einmal ein Werk von ganz hoher literarischer Qualität.

    Sie sind gebürtige Leipzigerin. In welche Stammkneipe gehen Sie mit Ihren Kolleg*innen nach Feierabend?

    Das Literaturhaus ist als Ort für uns ganz wichtig, aber witzigerweise, kurz nachdem wir hier hergezogen sind, hat in der Salomonstraße das Café Salomon eröffnet, das erste koschere Café Leipzigs, da gehen wir auch regelmäßig hin. Das ist überhaupt richtig klasse: dass fußläufig voneinander entfernt wir sind, das erste israelisch-jüdisch-koschere Café in Leipzig und dann in der Henriette-Goldschmidt-Straße das Dubnow-Institut. Dass sich das ehemals Grafische Viertel jetzt zu so einer Art jüdischem Viertel entwickelt, das finde ich herrlich!

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