• Wahljahr 2019
  • Leipzig
  • Schmissige Widersprüche

    Maximilian Berkenheide

    Auf Listenplatz 30 tritt Alexander Wiesner bei der Landtagswahl im Leipziger Süden für die AfD an. Er möchte Leipzig sicherer machen, Sachsen wertkonservativ und wirtschaftsliberal umgestalten.

    Das Interview findet im Kaffeehaus Riquet im Leipziger Zentrum statt. Im Jugendstil-Ambiente wird man von zwei bulligen, stoßzahnbewehrten Elefantenschädeln über dem Türsturz begrüßt; vor noch nicht allzu langer Zeit übrigens auch von einer kolonialen Mohrenfigur im Schaufenster. Es fällt schwer, diese Wahl nicht für ein Statement zu halten, auch wenn AfD-Landtagskandidat Alexander Wiesner die besondere Kaffeehauskultur als ausschlaggebend für die Wahl seines Stammcafés angibt.

    Wiesners Wange ziert eine lange, horizontale Narbe. Ja, das sei ein Schmiss und ja, dieser stamme aus einer schlagenden Verbindung. Er passt ins wertkonservative Bild, das Wiesner im Gespräch von sich zeichnet, und ein bisschen auch in die Kaiserreich-Atmosphäre des Riquet.

    Vor knapp 30 Jahren im sächsischen Oschatz geboren, zog Wiesner 2007 für sein Studium nach Leipzig als „die Welt noch in Ordnung“ war, wie er sagt. Seitdem er fünf Jahre später in der Straßenbahn überfallen wurde, habe sich die Lage jedoch immer weiter verschlechtert. Der Weg des politischen Engagements führte Wiesner allerdings nicht direkt zur AfD, sondern zunächst zur Jungen Union. Die Tuchfühlung verlief jedoch eher enttäuschend. Ohnehin sei sein Idealbild einer wertkonservativen CDU seit Mitte der 90er Jahre Geschichte und die CDU längst im linken Mainstream angekommen. Als sich die Leipziger AfD gründete, sei er dann sofort Mitglied geworden.

    Nichtsdestotrotz: In Form seines politischen Vorbilds Franz-Josef Strauß weht zumindest noch ein Hauch von CSU durch seine politische Identität. Bezeichnenderweise sind Wiesners Hauptthemen dann auch Sicherheit, Wirtschaft und Familie.

    Obwohl die Kriminalität in Leipzig dieses Jahr leicht und in Sachsen sogar stärker als im Bundesdurchschnitt gesunken ist, spricht das Landeswahlprogramm der AfD von „explodierender Kriminalität“. So fordert auch Wiesner eine Aufstockung der Polizei.

    Wirtschaftlich gibt sich der selbstständige Unternehmensberater liberal. Ja zur Sozialen Marktwirtschaft, aber ein klares nein zu „überbordendem Sozialstaat“. Hartz IV soll sozialer werden, sogar grundsätzliche Kritik am Wirtschaftssystem hält er für angebracht. Gleichzeitig soll der Staat zum „Nachtwächter“ verkleinert werden und der Markt den Ton angeben. Ein leiser Widerspruch, der sich noch häufiger an diesem Abend in Wiesners Argumentation schleicht, die versucht, Gegensätzliches zu vereinen.

    Im Wertethema Familienpolitik geht es im Gespräch vor allem um gleichgeschlechtliche Familienkonzepte. Im Gegensatz zur offiziellen Linie der sächsischen AfD nimmt er keinerlei Anstoß am Adoptionsrecht für homosexuelle Paare. Er räumt aber ein: „das Normale muss und sollte sein: Frau und Mann.“ Und das, obwohl homosexuelle Paare im Durchschnitt laut Wiesner intelligenter seien.

    In eine ähnliche Kerbe schlägt das von der AfD vielgescholtene Thema der sogenannten „Frühsexualisierung“, also der Aufklärung von Kindern über verschiedene Geschlechtsidentitäten. Wer sich anders fühle, könne das auch gerne tun, betont Wiesner, aber „Neun- und Zehnjährigen muss nicht erklärt werden, was sie noch alles sein können.“ Auch seine homosexuellen Freunde hätten das „früh genug von selber erkannt“. Vielmehr sei das „normale Familienbild“ zu vermitteln. Dem Einwand, dass ein wesentlicher Unterschied zwischen der Erkenntnis der eigenen Sexualität und der Akzeptanz im Unterricht bestehe, weicht er aus. Ihm gehe es vor allem darum, die Kinder in Vor- und Grundschule nicht zu überfordern.

    Im Bereich Bildung fordert Wiesner, dem Wahlprogramm entsprechend, außerdem eine stärkere Vermittlung von „Heimatliebe“. Das wolle die AfD unter anderem dadurch erreichen, dass Schluss gemacht werden müsse mit „exzessiver Aufarbeitung“ und „Selbstgeißelung“. Gleichzeitig habe man die unhaltbare Situation, dass jüdische Mitbürger auf offener Straße bespuckt werden. Dass Aufarbeitung und Erinnerung hier einen wichtigen Beitrag leisten können, dem kann Wiesner nur bedingt zustimmen. Ja, Gedenkstättenbesuche seien wichtig und nein, bezüglich des Berliner Holocaust-Denkmals vertrete er eine grundsätzlich andere Haltung als sein Parteikollege Höcke. Dieser sprach bekanntermaßen vom „Denkmal der Schande“. Trotzdem, so richtig zusammen passt es wieder nicht.

    Nicht nur die Wahl des Cafés erscheint rückblickend symbolisch. Außer seinem Schmiss trägt Alexander Wiesner ein blaues Hemd, blaue Anzughose und rote Socken. Er mag im Einzelnen zwar von der Parteilinie abweichen, aber soviel ist sicher: Mit ihm bekommt man 100 Prozent AfD.

     

    Bis zum 1. September laden wir Porträts von Leipziger Kandidierenden für die Landtagswahl hoch. Die porträtierten Personen gehören verschiedenen Parteien an; die Artikel werden in zufälliger Reihenfolge veröffentlicht.

     

    Titelbild: A. Wiesner

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