• Wahljahr 2019
  • Leipzig
  • „Mehr machen, weniger herumlavieren“

    Pauline Reinhardt

    Christin Melcher ist bei der Landtagswahl die Grünen-Direktkandidatin für den Leipziger Wahlkreis Reudnitz-Thonberg und Zentrum. Eine Macherin, deren Schwerpunkt auf Bildungspolitik liegt.

    Die Landesvorstandssprecherin für die Grünen in Sachsen, Christin Melcher, ist Direktkandidatin für Leipzig auf Listenplatz 7. Sie tritt im Wahlkreis 31 (Leipzig 5: Reudnitz-Thonberg und gesamtes Zentrum) an, wohnt allerdings im Pöge-Haus in Neustadt-Neuschönefeld. Dort empfängt sie passend zum Parteiprogramm im sonnig-grünen Garten. Man hört Kindergeschrei, Krähengekrächze und andere Singvögel. Seit 16 Jahren lebt die gebürtige Usedomerin in Leipzig, fünf davon im Pöge-Haus, an dessen Renovierung sie aktiv beteiligt war und in dem sich heute mehrere Hausgemeinschaften, ein Atelier, ein Café und ein Veranstaltungsraum befinden.

    Melchers politische Karriere hat in der Hochschulpolitik begonnen: Nach einem Jahr Studium in Greifswald wechselte sie für den Magister in Philosophie mit dem Nebenfach Logik und Wissenschaftstheorie an die Universität Leipzig. „In Leipzig wurde ich schnell politisiert, weil 2003 die Studiengebühren drohten und die Schließung meines Studiengangs auf der Agenda stand“, erzählt die 36-Jährige. Zunächst engagierte sich Melcher im Fachschaftsrat Philosophie, dann als StuRa-Referentin für Ökologie und Verkehr. Die Verhandlungen mit verschiedenen Partner*innen wie Studentenwerk und LVB haben sie sehr stark auf die „echte“ Politik vorbereitet, genauso wie ihr Jahr als StuRa-Sprecherin. Außerdem habe sie so den Umgang mit Autoritäten und vermeintlichen Autoritäten gelernt.

    Das Pöge-Haus in Neustadt-Neuschönefeld

    Nach dem Studium blieb Melcher in Leipzig, gründete hier eine Familie. Sie selber ist auf Usedom aufgewachsen „Ich mag meine Insel. Ich vermisse das Meer sehr“, sagt sie mit weicher Stimme. Aber natürlich sei Leipzig sehr lebenswert und nur „die konservative Staatsregierung ist am Ende allzu oft hinderlich für eine positive Entwicklung“.

    Melcher reagiert schnell auf Fragen, sie gibt detaillierte Antworten ohne ins Erzählen zu verfallen, zum Beispiel zu ihren Gründen, sich den Grünen anzuschließen: „Die Grünen hatten damals, als die Staatsregierung einen Gesetzesentwurf für die Hochschulen vorgelegt hat, einen eigenen Gesetzesentwurf gemacht. Ich habe mich intensiv mit diesen Positionen beschäftigt und diese Partei immer sehr auf Augenhöhe erlebt, auch in der Unterstützung unserer studentischen Angelegenheiten.“

    2012 ist Melcher schließlich in die Partei eingetreten und widmet sich seitdem vor allem der Bildungspolitik. Sie hat selber einen neunjährigen Sohn. Ihre politischen Ziele und Aktionen wie Die Leipziger Kita-Initiative sind auch aus eigenen und fremden Erfahrungen entstanden: „Ich hatte schon einen Kitaplatz für mein Kind und habe einfach nicht verstanden, warum dieses System nicht funktioniert, warum man Eltern so alleine und verzweifelt stehen lässt. Alle Eltern sind gezwungen, 100 Kitas anzurufen, vorzusprechen oder Kuchen zu backen, damit sie irgendwo einen Platz bekommen.“

    Christin Melcher im Garten

    An ihrer politischen Heimat, den Hochschulen, kritisiert Melcher vor allem: „Statt einer soliden Grundfinanzierung gibt es viele kleinteilige Programme. Viele Gelder werden nicht abgerufen, weil die Beantragung und Bewilligung zu aufwendig und kompliziert ist.“ Damit die Hochschulen mehr Planungssicherheit haben, müsste die Grundfinanzierung erhöht und dynamisiert werden. Außerdem wolle sie sich für eine Veränderung der Hochschulgesetze einsetzen, sodass unter anderem die Hoheit wieder verstärkt auf dem Senat liegt – denn es habe durch die Novellierung des Sächsischen Hochschulgesetzes Demokratieeinschnitte gegeben.

    Der Wohnungsmarkt muss laut Melcher durch mehr Unterstützung der Studentenwerke entlastet werden; studentisches Wohnen zur im BAföG enthaltenen Wohnpauschale von 250 Euro muss wieder möglich sein. „Wir wollen auch das Studium in Teilzeit ermöglichen – ich habe mit Kind studiert, ich weiß, wie hart das ist.“ Melchers trockener Kommentar zur Finanzierung dieser Ziele lautet: „Das ist möglich“─ mit erneutem Verweis auf die nicht abgerufenen Gelder für die Hochschulfinanzierung.

    Die Ziele der Grünen außerhalb der Bildungspolitik benennt Melcher knapp und präzise: 5.000 Sozialwohnungen in Leipzig, finanziert durch das Land. Der Ausstieg aus Lippendorf „und der Kohle generell“. 100 Prozent erneuerbare Energien bis 2030. Die Verkehrswende: 365-Euro-Ticket für alle und für Auszubildende noch preiswerter.

    „Ich bin eine Macherin. Wenn es Probleme gibt, müssen die gelöst werden. Mehr machen, weniger herumlavieren.“ Das fasst gut zusammen, wofür Melcher und ihre Politik stehen. Sie hat zahlreiche Leipziger Projekte ins Leben gerufen, wie das Brückenfest, ein Willkommensfest für Zufluchtsuchende und die Initiative Druck! Machen, die Inhalte, Netzwerke und politische Strategien gegen Rechts vereinen möchte. Denn gerade in diesen Zeiten sei es wichtig, Gesicht zu zeigen und die Grenzen des Sagbaren und der Demokratie aufzuzeigen.

    Von den Prognosen der Wahlergebnisse in Sachsen (Stand Ende Juli: 26 Prozent CDU, 26 Prozent AfD, 15 Prozent Linke, 12 Prozent Grüne) lässt sich Melcher nicht einschüchtern. „Da ist noch viel Musik drin. Unser Ziel ist ein zweistelliges Ergebnis, aber nach 29 Jahren CDU sage ich, täte dem Land auch mal eine andere Regierung gut.“

     

    Bis zum 1. September laden wir Porträts von Leipziger Kandidierenden für die Landtagswahl hoch. Die porträtierten Personen gehören verschiedenen Parteien an; die Artikel werden in zufälliger Reihenfolge veröffentlicht.

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