• Kolumne
  • Die Netflix-Falle

    Nina Lischke

    Kolumnistin Nina wusste schon, warum sie um Netflix-Serien lieber einen Bogen machen sollte. Doch sie war zu neugierig. Das Geständnis einer Erwachenden

    Ja, ich habe es getan. Ich habe mich zum Serien-Junkie verleiten lassen. Und nun kämpfe ich mit den Konsequenzen, wie es jede suchtgeleitete Person tut. Da ist dieses Verlangen, alles stehen und liegen zu lassen und auf den Button zu klicken, der meinem Gehirn die versprochene Befriedigung zuführt: Ablenkung. Äußerst leichte Ablenkung noch dazu, denn ich muss gar nichts dafür tun – nur sitzen und schauen und darüber alles andere vergessen. Immerhin muss ich niemanden beklauen, um an mehr Stoff zu kommen, denn besonders teuer ist Netflix nicht, zumindest nicht, wenn man es sich wie ich mit mehreren Personen teilt. Zwei Euro fünfundzwanzig im Monat. Nicht teuer, oder etwa doch?

    Eine Frau mit einer Tasse Kaffee in der Hand

    Kolumnistin Nina ist in die Netflix-Falle getappt.

    Zeit ist meiner Meinung nach eine bedeutendere Währung als Geld. Für viele Hobbys brauchen wir am besten beides. Habe ich keine Zeit, kann ich mich auch nicht verwirklichen, kann keine Projekte umsetzen, komme nicht weiter. Und deshalb scheint mir der Netflix-Fluch am Ende doch ziemlich teuer. Ich könnte sagen, er stiehlt mir meine Zeit. Doch das wäre feige. Ich bin diejenige, die sie mir selber stiehlt. Ich zwacke mir Zeit für eine Ablenkung ab, die zwar nett ist, mich aber nirgendwohin führt. Ich schreibe weniger. Ich lese weniger. Manchmal fällt sogar der Sport hinten runter. Netflix ist doch so einfach. Zugegeben, es gibt Menschen, die kommen sehr viel besser mit Cliffhangern klar als ich. Die haben mehr Widerstandskraft, mehr Stärke um sich loszulösen und die können nach einer Folge einfach ausschalten.

    Aber mir geht es mit Serien wie mich Büchern: Einmal gefangen in der Geschichte, höre ich ungern auf. Vielleicht lasse ich doch lieber die Finger davon und widme mich endlich meiner Hausarbeit. Jetzt, wo ich endlich weiß, wie es ausgegangen ist. Wer wissen will, von welcher Serie ich eigentlich rede, in der Wissenschaftler das Perfektionieren menschlicher Gene radikal idealistisch verfolgen und wir aus der Sicht der entstandenen Klone gegen sie antreten: Lasst es lieber, ihr kommt nicht mehr davon los!

    In einem Online-Artikel der Süddeutschen Zeitung lese ich, dass es mittlerweile Untersuchungen zum Thema Seriensucht gibt. Besonders einsame und deprimierte Menschen seien gefährdet. Ich bin allgemein weder besonders einsam noch deprimiert, aber ich erkenne einen Zusammenhang. Serien wirken tröstend. Ich logge mich quasi in das fiktive Leben der Charaktere ein und denke über sein eigenes nicht mehr nach. Auch ich habe eher nachgegeben und eingeschaltet, wenn es mir nicht so gut ging. Dann war die Serie wie ein Pflaster. Habe eingeschaltet? Richtig, Vergangenheit.

    Diese mörderisch spannende Serie ist vorbei und damit mein Vorsatz gestärkt, es damit erst einmal auf sich beruhen zu lassen, Netflix wieder nur als Kein-Geld-für-Kino-Alternative zu nutzen. Eigentlich sind Serien doch auch wie Bücher, nur dass sie mir alles vorgeben: Die Figuren, ihre Gestik und Mimik, ihr Lächeln, die Umgebung. Wo bleibt denn da die Fantasie?

     

    Titelbild: Hanna Lohoff

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