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  • „Sachsen keeps on giving”

    Anneke Schmidt

    Maren und Marcel leben in Leipzig und sprechen in ihrem eigenen Podcast „Sachsennaht“ schonungslos über alles, was in ihrem Wahl-Zuhause und dessen Umfeld geschieht.

    Wer sich unter dem gemeinsamen Podcast von Maren und Marcel mit dem Titel „Sachsennaht“ so etwas wie Heimatromantik vorstellt, ist weit gefehlt. Von Demonstrationen in Leipzig, Übergriffen durch Nazis, bis hin zu Kommunal- und Landtagswahlen wird das gesamte politische und alltägliche Geschehen unter die Lupe genommen. Im zweiwöchigen Rhythmus kann man den beiden über eine Stunde lang bei kritischen Betrachtungen zuhören, die nie in plattes „Sachsenbashing“ umkippen. luhze-Autorin Anneke Schmidt hat mit den beiden gesprochen und herausgefunden, dass der Podcast sich nicht ganz zufällig so anhört, als säße man mit am Tisch bei einem Kneipengespräch.

    luhze: Wie habt ihr euch kennengelernt und wie ist daraus die Idee für den Podcast entstanden?

    Maren: Wir haben uns über die NoLegida-Demos damals kennengelernt, aber eher lose. Im vergangenen Sommer haben wir durch gemeinsame Freunde und Freundinnen angefangen, uns öfter zu treffen und irgendwann bei einem Bier – oder war es Wein? – kam die Frage nach einem Podcast auf den Tisch. Ich hatte das irgendwie schon so in meinem Kopf, aber hatte für mich alleine kein Konzept und habe mich drüber beklagt. Ich weiß nicht ob es dir ähnlich ging?

    Marcel: Wir haben uns dann über die Podcastlandschaft unterhalten, ich glaube du hast erzählt, was du für Podcasts hörst, das war in einer weinseligen Runde. Bei uns beiden ist jedes Mal wenn wir uns getroffen haben – und wenn wir uns treffen – Sachsen das Thema. Also Nazis, Sachsen, alles was damit zu tun hat. In dem Zusammenhang habe ich mich dann immer über die Medienlandschaft aufgeregt, wie darüber berichtet wird, wie von außen darüber berichtet wird, wie oberflächlich das teilweise ist und mit wieviel auch die „große Politik“ hier in Sachsen durchkommt, gerade medial. So sind wir dann dazu gekommen. Ich aus dem „Ich will über alles meckern“ und Maren, weil sie einen Podcast machen wollte. Dann haben wir gesagt, ok, probieren wir es!

    Maren: Und zwei Wochen später haben wir das erste Mal aufgenommen, das ging dann super schnell.

     

    Habt ihr euch vorher Gedanken darüber gemacht, ob euch Leute anhören werden, oder wie ihr dafür sorgen könnt, dass Leute das tun?

    Maren: Ich hatte den Gedanken nicht so, denn ich höre selber relativ viele Podcasts von Leuten, die sich noch keinen großen Namen in den Medien gemacht haben, sondern über die Themen sprechen, die sie interessieren oder von denen sie Ahnung haben oder meinen sie zu haben. Es war natürlich überraschend zu schauen, wer hört da jetzt zu, hört das überhaupt jemand und wie ist das Feedback.

    Marcel: Es war mir nicht so wichtig, wer das jetzt hört, nicht weil mir das per se nicht wichtig ist, sondern weil ich wusste, dafür gibt es eine Zielgruppe und ich wusste, wir werden eine gewisse Anzahl an Leuten erreichen. Aus den Erfahrungen, die ich mit noLegida gesammelt habe, wusste ich, es wird Leute geben, die werden das hören. Alleine wenn wir das über die sozialen Netzwerke geteilt haben, war klar: Das werden Leute aufgreifen, denn die kennen uns ja aus anderen Kontexten. Spannend zu sehen ist, was sich dann eingestellt hat: Wir haben Reaktionen darüber hinaus, außerhalb unserer Filterblase bekommen.  Es kommt immer auf die Folge an, aber ich bin da auch nicht mit großen Erwartungen dran gegangen.

     

    Verfolgt ihr denn nach, wie viele Leute euch zuhören?

    Marcel: Wir haben schon einen Einblick, aber dieses Podcast Tracking – ich verstehe das nicht. Ich muss nicht sehen, dass uns so und so viele Tausend Leute zuhören – tun sie auch nicht. Ich sehe mir dann vielleicht das Verhältnis von den verschiedenen Folgen zueinander an, aber der Rest ist mir egal.

     

    Eure Themen sind stark lokal orientiert, das Publikum setzt sich vermutlich aus Menschen aus dem räumlichen Umfeld zusammen. Interagieren Leute auch mit euch, per E-Mail oder ähnlichen Kanälen?

    Maren: Es prasselt nicht auf uns ein. Wenn Diskussionen stattfinden, dann auf Twitter. E-Mails tatsächlich eher selten. Was mich überrascht hat, dass immer mehr Freunde und Freundinnen gesagt haben: Ich höre euch und finde cool, was ihr da macht, und dann wurden manchmal noch einzelne Themen angesprochen. Zerlegt wurden wir aber noch nicht, wenn ich mich recht entsinne.

    Marcel: Es kommt auch immer auf die Folge an, bei der aktuellen Folge haben wir mehr Reaktionen bekommen als sonst.

     

    Ein linker Podcast zu Sachsen, das bedeutet natürlich auch viel Kritik an den sächsischen Verhältnissen. Könnt ihr euch vorstellen, perspektivisch in zu Sachsen bleiben?

    Maren: Ich wohne jetzt seit elf Jahren hier und habe das Gefühl, ich bin ganz schön versackt. Ich bin mal zum Studium hergekommen und habe damals schon gedacht, mich treibt es dann irgendwann weiter, aber das ist halt nicht passiert. Insofern glaube ich schon, dass ich eigentlich hier wohnen bleiben möchte.

    Marcel: Die Frage zielt ja wahrscheinlich nicht nur darauf ab, ob es mir hier gefällt, sondern auch was passiert, wenn es politisch weiter den Bach runter geht, oder?

     

    Genau. Oder dass ihr an einem Punkt sagt, es wird jetzt einfach zu viel, ihr seid ja beide sehr involviert und auch politisch aktiv.

    Marcel: Ich glaube das haben wir sogar einmal in einer Folge diskutiert. Es gäbe durchaus einen Punkt, aber für mich erst, wenn meine Sicherheit gefährdet ist. Durch mein vorhergehendes Engagement für NoLegida hatte ich schon von meinem Arbeitgeber das Angebot: Wenn es zu heiß wird, komm in ein anderes Büro in eine andere Stadt. Aber nur unter dem Aspekt, ansonsten ein klares nein. Es ist aber ein Privileg, dass man das tun kann.

    Maren: Dass man bleiben kann, ist auch ein Privileg. Ich habe zumindest das Gefühl, mein Aktivistinnen-Dasein ablegen zu können und hier ein normales, unbehelligtes Leben führen. Es gibt Leute, die können das nicht, die sind tagtäglich Angriffen ausgesetzt, einfach nur, weil sie existieren. Da habe ich für mich schon beschlossen, dass ich nicht so früh sagen werde: “Ich haue jetzt ab“, sondern dass ich mich Kämpfen anschließe, solidarisch bin und diese unterstütze.

     

    Habt ihr Zukunftspläne für euren Podcast? Wollt ihr wie bisher weiter machen oder denkt ihr auch über Veränderungen oder übers Aufhören nach?

    Maren: Wir haben gerade etwas verändert, nämlich, dass wir nicht mehr im Wochentakt sondern alle zwei Wochen aufnehmen. Wir haben uns allerdings noch nie zusammen darüber Gedanken gemacht, ich finde es läuft schön und gut weiter. Ein Punkt, es zu beenden, wäre, wenn eine oder einer von uns keinen Bock mehr hätte. Aber mir geht es nicht so und ich habe auch kein Ziel vor Augen, wie: „Das und das Thema müssen wir durchgesprochen haben und wenn wir nicht nach einem Jahr 2.000 Follower*innen haben dann lassen wir es sein“, sondern solange es Spaß macht und solange es sinnvoll scheint, machen wir weiter.

    Marcel: Das sehe ich ähnlich, zumal, uns die Themen nicht ausgehen werden – Sachsen keeps on giving, es gibt immer etwas zu besprechen. Ich habe keinen Druck, dass ich es machen muss, sondern ich möchte das machen. Obwohl, vielleicht ein bisschen Druck, bestimmte Sachen möchte ich einfach gesagt haben. Es ist ein gutes Ventil, was auch über Twitter-Pöbeleien hinaus geht.

     

    Dann zum Schluss noch eine Positionierungsfrage: Versteht ihr euren Podcast als Journalismus, Unterhaltung, politische Bildung oder als was ganz Anderes? Ihr baut ja in die Folgen neben euren eigenen Positionen auch viele wissenswerte Fakten mit ein.

    Maren: Ich finde das Wort Laber-Podcast zum Beispiel eher böse, weil wir darüber eigentlich hinaus sind. Gerade bei den Folgen, für die wir uns gut vorbereiten und tatsächlich viele Infos mitbringen, viel recherchiert haben, uns Strukturen überlegt haben.  Aber natürlich ist es jetzt kein krass journalistischer Podcast. Ich mag das Aktivist*innen-Label sehr gerne.

    Marcel: Ich würde mir noch nicht einmal das Aktivist*innen-Label anheften. Ich bin einfach ein Typ mit einer politischen Meinung und das möchte ich in dem Podcast transportieren: Ob man das jetzt politische Bildung, politischen Aktivismus oder Journalismus nennen will, das ist mir eigentlich relativ egal.

    Maren: Und Unterhaltung – manchmal klappt’s, manchmal klappt es nicht.

    Wenn ihr euch selbst vom Unterhaltungsgehalt des Sachsennaht-Podcasts überzeugen wollt, könnt ihr die bislang 23 Folgen auf Spotify, Soundcloud oder Apple Podcasts anhören.

     

    Foto: Marcel Nowicki, Maren