• Kolumne
  • Der Himmel auf Erden?

    Hannah Niederfeld

    In Freundschaften wird vieles geteilt. Schwierig wird es dann, wenn die Weltsicht nicht mehr dazu gehört. Ein Ausflug zur Toleranzgrenze von Kolumnistin Hannah Niederfeld

    Ich klicke mich durch YouTube-Reportagen über die Freie Evangelische Kirche und erschrecke jedes Mal, wenn Sätze wie „Beim Beten spüre ich Jesus“, „Gott hat für uns alle einen Plan“ oder „Jesus will uns alle kennenlernen“ fallen. Ich werde unruhig, wenn ich Menschen gebeugt auf dem Fußboden oder wie in Trance mit Armen in der Luft wedeln sehe. Ich finde es gruselig, dass die Antworten der Christ*innen wie auswendig gelernt in den immer gleichen Phrasen formuliert werden. Statt von Mission sprechen sie vom Glauben als Geheimrezept, von Sex, der so heilig sei, dass man bis zur Ehe warten möchte.

    All das wirkt auf mich einengend und irgendwie skurril. Eine Parallelwelt, die Antworten auf die Fragen hat, auf die es eigentlich gar keine gibt. Für mich hat das Leben keinen höheren Sinn und das beruhigt mich zutiefst. Ich muss nicht den richtigen Weg finden, ich muss nur irgendwas machen, das ich selbst als sinnvoll empfinde. Ich muss keine Verbindung zu anderen Sphären aufbauen, sondern nur zu Menschen. Und ich muss mich nicht fragen, welchen Plan Gott für mich hat, weil ich mir meinen Plan selbst schmiede.

    Kolumnistin Hannah beim Versuch, den Himmel auf Erden zu bringen

    Das letzte Video, auf das ich stoße, ist eine Reportage über ein Gebetshaus. Es ist genau das Gebetshaus, in das eine gute Freundin von mir ab Oktober für zehn Monate gehen wird. Aufgeregt schaue ich mir das Video an und entdecke, dass sie einen YouTube Kanal haben. Das Gebetshaus nimmt seinen Namen ernst: Es wird hier sage und schreibe 24 Stunden lang jeden Tag gebetet. Man kann sich zum*zur Lobpreissänger*in ausbilden lassen oder Audiotechniker*in für alles im Zusammenhang mit Gebet und Gott werden. Der Titel des Videos über die zehn monatige Gebetshausschule lautet: „Incense. Get real. Go deep. Be dangerous.“ Das Layout erinnert mich irgendwie an frühere Videos von Avril Lavigne als punkige Skaterin. Daneben gibt es eine kurze Videobeschreibung. „Du möchtest einen Lebensstil eintrainieren, der den Himmel auf die Erde bringt?“ heißt es darin unter anderem. Eintrainieren. Himmel auf Erden. Es bildet sich ein Knoten in meinem Bauch. Meine Finger kribbeln unruhig als ich nach unten scrolle, um mir weitere Videos anzusehen. Dieses Kribbeln, dieser Knoten im Bauch ist es, der einen tiefen Graben inmitten unserer Freundschaft entstehen lässt. Wir sind alte Schulfreundinnen  und sind seit ungefähr zehn Jahren befreundet. Sie ist einer der besten Menschen, die ich kenne.

    Einerseits will ich tolerant sein. Es dürfen ja schließlich alle das glauben, was sie wollen. Auf der anderen Seite gibt es Punkte, die zu weit gehen, wie zum Beispiel der von der Freien Evangelischen Kirche veröffentlichte „Leitfaden zum Umgang mit Homosexualität“, in dem sie sagen, dass Homosexuelle versuchen sollten, ihre sexuelle Orientierung umzupolen, da dies nicht in Einklang mit dem Glauben an Gott gebracht werden kann.

    Als die Freundin, die bald für zehn Monate in das oben beschriebene Gebetshaus gehen wird, mich besuchen kommt, platzt es aus mir heraus. Was sie denn davon halte, dass ihre Gemeinde solche Meinungen vertritt, will ich wissen. Es ginge ja eigentlich nur darum, Gott kennenzulernen und nicht so sehr um diese Regeln, antwortet sie. Niemand in der Gemeinde würde Homosexuelle verurteilen und es sei zwar eine Regel, aber klar, dass nicht alle diese Regel einhalten können. Außerdem müsse ja niemand Teil der Gemeinde sein.

    Der Klumpen in meinem Bauch verformt sich zu einem Quader. Mit harter Stimme entgegne ich, dass ich auch nicht Teil der AfD sein muss, es aber trotzdem gefährlich finde, was die von sich geben. Dass genau das das Problem ist: die Regel. Dass homosexuelle Menschen von der Gemeinde stigmatisiert werden, als Leute, die es nicht schaffen, nach den Regeln Gottes zu leben. Es herrscht erst einmal betretenes Schweigen. Wir blicken in die Kluft, die dieses Streitgespräch hinterlassen hat. Ich will sie nicht in eine Ecke drängen, tue es aber doch. Die Fragen sind zu erdrückend, die Argumente zu fadenscheinig und meine Gegenargumente stehen klobig und vorwurfsvoll zwischen uns. Ich schluckte und habe keine Ahnung, wie wir da jetzt wieder rauskommen.

    Es stimmt, dass ich am liebsten die Zeit ein Jahr zurückspulen würde zu einer Zeit, in der Gebetshäuser, Jesus und die Beziehung zu Gott keine Themen unserer Freundschaft waren. Zu einer Zeit, in der wir eine Weltsicht teilten. „Jeder muss nach seiner Façon glücklich werden“ sagt meine Oma immer. Ich will nicht, dass meine Freundin nach der Façon der Freien Evangelischen Kirche glücklich wird, aber weiß, dass meine Oma Recht hat.

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