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  • Die Bücherei als letzte Bastion der Demokratie

    Aus der ungewöhnlichen Perspektive eines Bibliothekars zeigt „Ein ganz gewöhnlicher Held“ den alltäglichen Überlebenskampf Obdachloser und deren Konfrontationen mit gesellschaftlichen Vorurteilen.

    Stuart Goodson, gespielt von Regisseur und Drehbuchautor Emilio Estevez, ist ein langjähriger Mitarbeiter der öffentlichen Bücherei in der amerikanischen Großstadt Cincinnati, Ohio, die angesichts der brutalen Kaltfront nicht nur Heimat von unzähligen Büchern ist, sondern auch einen warmen Platz für Obdachlose bietet.

    Um 18 Uhr schließt die Bücherei jedoch für die Öffentlichkeit und setzt somit viele Obdachlose wieder auf die kalte Straße: bis sie sich eines Tages weigern das Gebäude zu verlassen. Entgegen der Anordnung seines Vorgesetzten gewährt Stuart den Obdachlosen, die Nacht in der Bibliothek zu verbringen. Ein Akt aus reiner Menschlichkeit wird schnell zum unkontrollierten Chaos, das die Aufmerksamkeit nationaler Medien erregt und die Polizei zum gewaltsamen Handeln zwingt. Aus Stuarts ursprünglicher Idee, den Obdachlosen die öffentliche Bibliothek als nächtlichen Zufluchtsort bereitzustellen, entwickelt sich ein friedlicher Protest gegen soziale Ungerechtigkeiten und andauernde gesellschaftliche Vorurteile, die Obdachlose als Kriminelle stigmatisieren.

    Stuart und die Obdachlosen gegen den Staat

    Als Einstieg prägen realitätsnahe Bilder von Menschen, die am Rande der Gesellschaft in Cincinnati ums Überleben kämpfen, den weiteren Verlauf des Films. Zusätzlich untermalen musikalische Elemente die prekäre Situation der Obdachlosen gegenüber dem Staat und gesellschaftlichen Hierarchien auf eine ironische Art und Weise, die sich in abrupten Wechseln zwischen melancholischen Klaviermelodien und aggressiver Schlagzeugakustik äußert. Es ist aber gerade dieser Zynismus, der den Film ausmacht und bei den Zuschauer*innen für kleine Lacher sorgt.

    Neben der Problematik der städtischen Obdachlosenversorgung fokussiert sich das Drama weniger auf soziale Beziehungen der Hauptdarsteller*innen, sondern gibt zeitlosen philosophischen Fragen einen Raum, die die Zuschauer*innen zum Nachdenken anregen: Sind Obdachlose aufgrund ihrer Besitzlosigkeit nicht freier als Menschen, die sich um ihr Eigentum tagtäglich sorgen müssen? Wofür stehen eigentlich öffentliche Einrichtungen, wenn der Zugang zu ihnen nur eingeschränkt möglich ist?

    Auch aktuelle ethische Dilemmata, die durch die digitalen Medien verursacht werden, wie die Gefährdung der Privatsphäre oder Einschränkungen der Rede- und Informationsfreiheit aufgrund ungleicher digitaler Zugangsvoraussetzungen und (staatlicher) Zensur, werden durch authentische Szenarien im Film inhaltlich aufgegriffen.

    Der Freund und Feind

    Von schwacher Authentizität zeigt sich jedoch der Versuch des Regisseurs, eine emotionale Bindung zwischen Publikum und Charakteren herzustellen. Denn nach knapp zwei Stunden konnte der Film keine Gefühle – weder Empathie noch Sympathie – bei den Zuschauer*innen erzeugen. Gerade durch die extrem inszenierten Zufälle von Nebenhandlungen verliert der Film an Glaubwürdigkeit und Charme. Da hilft es auch nicht, mehr über das Schicksal des obdachlosen Sohnes des leitenden Polizeidirektors zu erfahren, um eine erzwungene emotionale Nähe aufzubauen.

    Dennoch ist der Film inhaltlich gelungen. Nur mittels zwei verschiedenen Drehorten, der öffentlichen Bücherei von Cincinnati und der Wohnung des Bibliothekars, ist es Estevez gelungen, auf zeitgenössische gesellschaftliche Probleme aufmerksam zu machen, die nicht aufgrund mangelnder (medialer) Aufmerksamkeit in Vergessenheit geraten dürfen.

    Fotos: Koch Films

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