• Wahljahr 2019
  • Sichtbar und laut auf Zwickaus Marktplatz

    Hanna Lohoff

    Die Marktplatztour des Bündnisses „Wann wenn nicht jetzt“ startete am Samstag in Zwickau. Die Initiative will damit ein Zeichen gegen Rechts setzen und zeigt sich zufrieden mit dem ersten Stopp.

    Am Samstag fand der erste Tourstopp von „Wann wenn nicht jetzt“ (Wwnj) in Zwickau statt. Die Veranstaltung war der Auftakt einer Marktplatztour, die das Bündnis in verschiedenen Städten in Sachsen, Brandenburg und Thüringen durchführt. Das Programm aus Lesungen, Diskussionen, einem Fußball-Turnier und Konzerten verteilte sich dementsprechend rund um den Hauptmarkt in der Innenstadt der 90.000 Einwohner*innenstadt Zwickau. Den ganzen Tag konnten sich Interessierte dort an Ständen zum Beispiel über Diskriminierung oder rechte Gewalt in Sachsen informieren.

    Etwa 200 Personen kamen zwischenzeitlich auf dem Hauptmarkt zusammen, der Pressesprecher von Wwnj Sachsen, Bruno Rössel, schätzte am Abend, dass über den Tag verteilt 500 Personen auf der Veranstaltung waren. Viele waren von Leipzig aus angereist, doch auch aus dem näheren Umfeld und aus Zwickau selbst waren Gäste vor Ort. Die Altersspanne reichte von Kindern über solche im Studierendenalter bis hin zu älteren Menschen.

    Stände von verschiedenen Initiativen reihten sich auf dem Hauptmarkt.

    Wwnj hat sich im vergangenen Herbst gegründet. Auslöser waren die Ereignisse in Chemnitz sowie das darauf folgende #Wirsindmehr-Konzert. Die Initiator*innen von Wwnj kritisieren die Veranstaltung, zu der im letzten Jahr 65.000 Menschen kamen und die unter dem Titel „Wir bleiben mehr“ vor kurzem erneut stattfand. Zum einem stelle man das „Wir“ in Frage, wie Pressesprecher Rössel erklärt. „Darin wollen wir zum Beispiel nicht die CDU miteinschließen, weil die Partei unserer Meinung nach für das Erstarken der AfD mitverantwortlich ist.“ Zudem sei die Aussage „Wir sind mehr“ gerade im ländlichen Raum in Ostdeutschland schlichtweg eine „Lüge“.

    Wwnj entstand in Leipzig. Mitglieder verschiedener Initiativen schlossen sich zusammen, das Bündnis wuchs und breitete sich überregional aus. Mittlerweile kooperiert Wwnj mit der Organisation #unteilbar, die Anfang Juli in Leipzig demonstrierte und damit in den „Sommer der Solidarität“ startete. Die etwa 500 Personen, die Wwnj bereits unterstützen, wollen nun vor den Landtagswahlen im September vor allem in kleineren Städten in Sachsen, Brandenburg und Thüringen Präsenz zeigen. „Es geht uns um ein Sichtbarmachen der Initiativen vor Ort. Wir wollen laute Signale setzen vor der Landtagswahl.“, sagt Sprecher Rössel.

    Vor der Bühne wurden Bierbänke und Tische aufgebaut.

    Während ab 10 Uhr beim United Street Soccer Cup in Zwickau der Ball rollte, gab es auf dem Marktplatz eine Podiumsdiskussion zum Thema „Aufbruch im Osten?“, die sich damit beschäftige, wie dieser Aufbruch im Wahljahr 2019, das gleichzeitig Jubiläumsjahr des Mauerfalls ist, gemeinsam zu gestalten ist.

    Anschließend standen zwei Lesungen auf dem Programm, für die ein Eiscafé als Veranstaltungsort dienen sollte. Der Betreiber habe sich jedoch kurzfristig dagegen entschieden, sein Café hierfür zur Verfügung zu stellen, wie Rössel mitteilt. Auf Nachfrage von luhze wollte die Chefin der Eisdiele hierzu keine Aussage treffen. Die beiden Programmpunkte wurden in den Domhof der Gemeinde verlegt, in dem auch bereits am Vormittag ein Graffiti-Workshop stattfand.

    In einem kleinen Raum fanden sich zur ersten Lesung etwa 30 Personen ein. Grit Fischer von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten las aus einem Buch von Tadeusz Sobolewicz. Er überlebte sechs Konzentrationslager und den Brand in einem Arbeitslager in der Nähe von Zwickau. Fischer las einige Textstellen aus seinem Buch „Aus der Hölle zurück – Von der Willkür des Überlebens im Konzentrationslager“ und ergänzte die Passagen mit Informationen über Sobolewiczs Leben.

    Die zweite Lesung widmete sich dem Thema Hooligans. Robert Claus brachte sein Buch „Hooligans. Eine Welt zwischen Fußball, Gewalt und Politik“ mit. Er ordnete zunächst die Begrifflichkeiten rund um Hooliganismus ein, erzählte von seinen Recherchen und verlas einige Stellen aus dem Buch. Aus dem Publikum der etwa 45 Anwesenden kamen anschließend Bemerkungen und Fragen, unter anderem zum richtigen Umgang mit Hooligans in Sportvereinen.

    Der Berliner Rapper Matondo sprach sich für eine vielfältige solidarische Gesellschaft aus und rappte über Alltagsrassismus.

    Ab 18 Uhr standen Redebeiträge und Konzerte auf dem Programm. Zwickauer Initiativen, wie der Verein RoterBaum oder die lokale Fridays-For-Future-Gruppe sowie Sprecher*innen von Wwnj und #unteilbar kamen zu Wort. Das musikalische Programm eröffnete die Zwickauer Punk-Band Klostein. Danach brachte der Berliner Künstler Matondo das Publikum aus etwa 100 Personen zum Tanzen. Rapper Kobito, der ebenfalls aus Berlin kommt, schloss sich an und das DJ-Team Shkoon rundete das Konzert mit melodischem Techno ab.

    Der nächste Tourstopp von Wwnj ist Bautzen. Dort finden gleich an zwei Tagen am 26. und 27. Juli Diskussionen, eine Filmvorführung und musikalisches Programm statt.

     

    Fotos: Leonie Asendorpf