• Menü
  • Kolumne
  • Mit oder ohne

    Tschüss Rasierer! Redakteurin Annika lässt ihre Beinhaare bewusst wachsen, um alten Idealbildern zu entfliehen.

    Mir wurde immer suggeriert, dass es ‚normal‘ ist, dass Frauen keine Beinhaare haben und Männer ‚natürlich‘ schon. Ich kenne es noch, dass ich es riskierte den Schulbus zu verpassen, nur, weil ich Angst hatte, dass man meine Beinhaare sehen könnte und sie deshalb im letzten Moment abrasierte. Wenn ich darüber nachdenke, dann macht mich das wütend und traurig zugleich. Ich wundere mich, inwieweit ich mir selbst überhaupt noch vertrauen kann, denn ich begreife immer mehr, wie tiefgreifend idealisierte Menschenbilder mich beeinflussen. Ich frage mich: Welche von den Dingen, die ich tue, tue ich ausschließlich aus eigener Überzeugung? Was davon, bin ich?

    Natürlich reflektierte ich mein Verhalten auch schon früher und traf bewusst Entscheidungen. Ich ernähre mich zum Beispiel seit knapp zwei Jahren vegan. Hier musste ich mich jedoch nicht mit meinem äußeren Erscheinungsbild konkret auseinandersetzen, sondern ich ernähre mich vegan in erster Linie aus moralischen Gründen und nicht, um mein Äußeres zu verändern. Geht es jedoch um Körperbilder, muss ich zuerst bei mir ansetzen und, um ehrlich zu sein, fällt mir das bei Beinhaaren nicht leicht. In gewisser Weise auch bei Haaren im Intimbereich, allerdings sieht die so gut wie niemand, also lasse ich diese hier mal außen vor. Denn im Gegensatz zu meiner Intimbehaarung zeige ich meine Beinhaare seit ein paar Wochen ganz bewusst und lasse sie wachsen.

    Für mich ist das nicht einfach und oft fühlt es sich unangenehm und falsch an, damit herumzulaufen. Vor allem, wenn ich mich ‚schick‘ mache, ist meine erste Intention, die Beinhaare abzurasieren. Ich finde jedoch, dass sich niemand unwohl fühlen sollte, nur weil er*sie glaubt, dass angeblich gesellschaftliche Idealbilder nicht von ihm*ihr erfüllt werden.  Deshalb ist es so wichtig für mich, sie aktuell einfach wachsen zu lassen, weil ich zurzeit auch gar nicht sagen könnte, dass das meine freie Entscheidung wäre. Ich war und bin immer noch an dem Punkt, an dem ich meine eigenen Beinhaare einfach nur unästhetisch finden kann. Früher gab es nie die Entscheidung, ob mit oder ohne. Höchstens vielleicht, wie ich sie das nächste Mal entferne, wie lange es dauert, bis sie jemanden auffallen könnten oder wie ich verdammt nochmal einwachsende Härchen umgehen kann. Am Ende waren sie immer ab.

    Porträtbild der Kolumnistin Annika Seiferlein. Sie lacht und draußen scheint es warm zu sein.

    Redakteurin Annika fragt sich immer mehr, wo ihre eigenen Entscheidungen anfangen und ab wann die Gesellschaft den Ton angibt.

    Das alles ist auch in meinem Kopf, weil das Thema Körperbehaarung immer mehr eine Rolle spielt auf Plattformen wie YouTube oder Instagram. Das ist wichtig, denn es ist keine Selbstverständlichkeit, dass man sich mit sichtbarer Körperbehaarung wohlfühlt und das sollte heutzutage nicht mehr der Fall sein.

    Besonders erhellend fand ich einen Artikel auf ze.tt, der von dem ersten Werbespot für Damenrasierer handelt, der Körperbehaarung zeigt. Davor kam mir nie der Gedanke, dass all die Werbungen über Damenrasierer einfach nur falsch sind, da sie allen Frauen ohne aalglatte Beine ein schlechtes Gefühl unterbreiten wollen. Für mich ist das immer noch Realität. Seitdem scanne ich alle Frauenbeine und freue mich, wenn ich welche mit Beinhaaren sehe. Wobei mir wichtig ist, dass es eigentlich egal sein sollte, wie man seine Beine trägt. Hauptsache, man kann es für sich selbst entscheiden. Niemand soll das Gefühl haben, sein*ihr äußeres Erscheinungsbild aufgrund von gesellschaftlichen Idealen verändern zu müssen. Dennoch geistern diese immer wieder in meinem Kopf herum und es tut so gut, dagegen Widerstand zu leisten.

    Und deshalb warte ich. Ich warte, bis sich meine Beinhaare für mich selbstverständlich anfühlen. Bis ich selbst entscheiden kann, ob mit oder ohne.

    Fotos: Leo Seiferlein

    Verwandte Artikel

    Der ewige Blick in den Spiegel

    Kolumnistin Lisa will, dass wir jungen Frauen mehr Freiraum geben, sich selbst zu finden und uns selbst auch. Denn das ist auch ohne sexistische Vorurteile schon schwer genug.

    Kolumne | 2. Juni 2019

    Ein Plädoyer fürs Weinen

    Fast nie sehen wir Menschen in der Öffentlichkeit weinen und wenn doch, ist uns das unangenehm. Lieber verstecken wir uns. Wir müssen das Weinen von seiner Scham befreien, findet Kolumnistin Alicia.

    Kolumne | 26. Mai 2019