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  • Algorithmen, Listen, Verbrechen – und der Mensch mittendrin

    Alessandra Brüchner

    Bei Predictive Policing sollen Algorithmen Verbrechen vorhersagen und verhindern. Im Rahmen einer Informatikveranstaltung lief am Montag die Dokumentation „PRE-CRIME“, die kritische Einblicke gibt.

    Eine Liste sagt: Du wirst wahrscheinlich früher oder später in der Zukunft in ein Verbrechen verwickelt sein. Vielleicht überrascht dich das, oder es macht dir Angst – auf jeden Fall nimmst du die Botschaft ernst. Denn sie kommt nicht vom Wind des Schicksals getragen durch dein Fenster geflattert, sondern ganz alltäglich mit der Post: und zwar von der Polizei. Die Dokumentation „PRE-CRIME” aus dem Jahr 2017 von Matthias Heeder und Monika Hielscher, die vergangenen Montag im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung des Informatik-Instituts gezeigt wurde, erzählt von „Predictive Policing” oder auch „Vorhersagender Polizeiarbeit”. Produzent Heeder war selbst vor Ort und Teil eines anschließenden Publikumsgesprächs.

    Beim Predictive Policing werden riesige Datenmengen genutzt, um Verbrechen vorherzusagen und so präventiv zu verhindern, so das Konzept. In Chicago gibt es bereits eine sogenannte „Heat List”, die mit Hilfe von Algorithmen mögliche Beteiligte an einem Verbrechen in der Zukunft identifizieren soll. Der Film „PRE-CRIME” erzählt die realen Geschichten von Menschen, die davon betroffen sind und zeigt unter anderem den jungen Amerikaner Robert McDaniel, der in Glücksspiele involviert war und Marihuana geraucht hat. Sein bester Freund wird ermordet – und Robert landet auf Chicagos Heat List. Predictive Policing funktioniert auch ortsbezogen: Stadtgebiete, die eine hohe Kriminalitätsrate aufweisen, werden abgegrenzt und können so beispielsweise mit stärkerem Polizeieinsatz versehen werden.

    „PRE-CRIME“-Produzent Matthias Heeder will auch über soziale Aspekte von Kriminalität sprechen.

    Entsprechende Software-Programme wie beispielsweise PredPol oder HunchLab werden in den USA von Unternehmen vertrieben, entstanden in Forschungsprojekten oder wurden in Zusammenarbeit mit der Polizei entwickelt. Nicht nur die USA nutzt diese Technologien, auch England oder Deutschland machen davon Gebrauch, wie der Film aufzeigt. In München nutze die Polizei ortsbezogenes Predictive Policing, um Risikogebiete für Einbrechen vorherzusagen. Dies ist bereits auch in anderen Teilen Deutschlands der Fall. Personenbezogene Daten werden hier jedoch aufgrund deutscher Datenschutzbestimmungen bislang nicht verarbeitet.

    Das Thema Datenschutz spielt eine wichtige Rolle beim Predictive Policing: Persönliche Daten können gesammelt und vernetzt werden, das Recht auf informationelle Selbstbestimmung wird so angetastet. Heeder sieht der Realität ins Auge: „Wir schwitzen Daten: Wir dünsten sie aus, mit allem, was wir tun, und die verschwinden dann in irgendeiner Cloud.” Die digitale Zukunft sehe Heeder nicht weit von der Situation in China entfernt: Das Land gilt als Vorreiter für Überwachungstechnik und will 2020 das System des Social Scoring einführen, bei dem Bürger anhand ihres sozialen Verhaltens von Regierungsbehörden bewertet werden. „Ich sehe da eine ähnliche digitale Diktatur kommen.”

    Darüber hinaus ist bei der Technologie des Predictive Policing nicht einzusehen, nach welchen Kriterien der Algorithmus Menschen auf Listen setzt. Entwickler wissen manchmal selbst nicht, wie sich der von ihnen geschriebene Algorithmus in Zukunft verhalten wird, wie der Film aufzeigt. Ungenauigkeiten beim Platzieren der Menschen auf der Liste sind möglich. Wer hat die Verantwortung für die Algorithmen? „Letztendlich muss es eine demokratische Kontrolle aller Bürger geben”, unterstreicht Matthias Heeder, der Produzent von „PRE-CRIME”, im Publikumsgespräch im Anschluss an den Film.

    Thomas Schmid stellt „PRE-CRIME“-Produzent Matthias Heeder im Publikumsgespräch vor.

    Die Verwendung der Technologien für Predictive Policing fußt auf wissenschaftlichen Theorien. Kurt Mühler, Professor für Soziologie an der Universität Leipzig, verweist auf das „Law of Crime Concentration”: Demnach konzentriert sich die Mehrzahl  von kriminellen Geschehen auf sehr kleine Räume und eine geringe Täterzahl. „Auch in Leipzig findet sich das Phänomen, dass es in bestimmten Straßen Orte mit hoher Kriminalitätsbelastung und welche ohne gibt”, so Mühler. Außerdem erhöhe eine Viktimisierung, das heißt, dass jemand bereits Opfer eines Verbrechens war, die Wahrscheinlichkeit dafür, noch einmal zum Opfer zu werden.

    Die Algorithmen bei der Predicitve-Policing-Methode unterscheiden nicht zwingend zwischen Täter und Opfer, ähnlich wie bei Robert McDaniel, der im Film gezeigt wird. Inwiefern Predictive Policing tatsächlich erfolgreich dazu beiträgt, Verbrechen zu verhindern, ist unklar. Mühler verweist auf mangelnde wissenschaftliche Erkenntnisse und die Tatsache, dass Täter sich beispielsweise auf neue Gebiete konzentrieren können, wenn andere aufgrund von Predictive Policing stark überwacht werden.

    Berechnungen der Algorithmen können Stadtviertel oder Bevölkerungsgruppen stigmatisieren – ähnlich wie beim Racial Profiling. Dabei wird das Äußere einer Person, wie Hautfarbe, Gesichtszüge oder Kleidung, als Entscheidungsgrundlage für Polizeikontrollen oder Überwachungen genutzt. Viele Menschen, die Teil solcher Listen in den USA sind, seien schwarz, meint Heeder. Es mangele an sozialer Unterstützung für die, die in Kriminalität verwickelt sind und sich in einem schwierigen sozialen Umfeld befinden. „Mit dem Film wollen wir den Diskurs über solche sozialen Aspekte anstoßen. Es geht darum, wie Kriminalität überhaupt zustande kommt”, bekräftigt Heeder.

    Beim Predictive Profiling geht es weniger um Ursachenbekämpfung. Während Erfolge der Technologie nicht klar nachgewiesen werden können, stehen Fragen wie die nach geeigneten Datenschutzbestimmungen im Raum. Eine nachhaltige Lösung zur Verhinderung von Kriminalität stellt die Methode noch nicht dar.

     

    Fotos: Leonie Asendorpf

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