• Leipzig
  • Abschiebung, Solidarität und Reizgas

    Alicia Kleer

    Über die Ereignisse in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch in der Hildegardstraße wird bundesweit diskutiert und berichtet. Redakteurin Alicia war vor Ort und hat ihre Erfahrungen aufgeschrieben.

    Es ist 23:21 Uhr und ich sitze mit dem Fahrrad in der Bahn, weil ich zu faul war, von Connewitz zum Hauptbahnhof zu fahren. Mein Handy leuchtet auf und die Nachricht einer Freundin wird auf WhatsApp angezeigt: „!!!!Abschiebung nähe Herrmann-Liebmann-Straße, Sitzblockade.“ Ich bin schon am Hauptbahnhof. Innerhalb von Sekunden gehen mir verschiedene Gedanken durch den Kopf: „F*ck. Abschiebung“, „Morgen muss ich mich endlich an meine Bachelorarbeit setzen.“, „Eigentlich brauche ich Schlaf.“

    Ich steige aus und fahre mit dem Fahrrad Richtung Eisenbahnstraße; schneller als sonst und schon vollgepumpt mit Adrenalin. Sobald ich in die Eisenbahnstraße einbiege, sehe ich Blaulicht. Ankommen, Fahrrad absperren, meine Leute suchen. In der Mitte der Hildegardstraße steht ein Polizeiauto, davor und dahinter Sitzblockaden und Polizei. Schwer abzuschätzen, wie viele Menschen zu diesem Zeitpunkt, um circa 23:30 Uhr, anwesend sind – in etwa 150.

    Von verschiedenen Leuten kommt die Information, dass die Person, die abgeschoben werden soll, im Auto sitzt. Später erfahre ich, dass es ein 23-jähriger Kurde aus Syrien ist. In meinem Rucksack ist mein Laptop mit meiner Bachelorarbeit. Ohne Backup. Wenn ich mich jetzt in die Sitzblockade setze und dann etwas abbekomme… Ich schäme mich ein bisschen, weil ich weiß, wie irrelevant das gerade ist.  Alle hängen am Handy und versuchen noch mehr Menschen zu erreichen.

    Je später es wird, umso mehr Menschen kommen und umso mehr Rüstung legen sich die Polizist*innen an. Normalerweise hasse ich es, auf Demonstrationen zu rufen. Es widerstrebt mir irgendwie. Jetzt brülle ich aus voller Kehle. Besonders stark finde ich: „Es gibt ein Recht auf Dienstverweigerung.“ Das schreit sich schlecht, aber es kommt mir so sinnvoll vor. In meinem Kopf spielt sich eine Szene ab, in der die Polizist*innen in Zeitlupe ihre Helme abnehmen und sich auf unsere Seite stellen. Es ist gut, dass so viele Menschen hier sind und Solidarität zeigen. Abschiebungen können niemals rechtmäßig sein, auch wenn sie „legal“ sind.

    Ich bleibe nicht in der Sitzblockade, sondern stelle mich an den Rand, begrüße ein paar Menschen und erkenne jede Menge Gesichter aus der Albi wieder. Insgesamt ist es ruhig. Die Demonstrant*innen sind friedlich. Hin und wieder kommt es zu kleineren Rangeleien mit der Polizei. Gegen 1 Uhr morgens macht die Information die Runde, dass die Person nicht mehr im Polizeiauto ist. Ich glaube es nicht. Wie hätte das gehen sollen? Wir waren alle hier. Später erfahre ich von Freund*innen, dass anscheinend jemand aus der Sitzblockade gezogen und so davon abgelenkt wurde, dass die Person aus dem Auto weggebracht wurde. Also alles umsonst?

    Plötzlich fährt das Polizeiauto zurück, die Polizei macht dem Auto zu Fuß den Weg frei und verhält sich dabei nicht gerade zimperlich. Es fliegt zunächst Müll, dann Flaschen. Die Menschen rennen auseinander. Ich verstehe erst nicht warum und gehe in die Richtung, aus der alle kommen. Dann merke ich es: Reizgas. Ich bin nicht empfindlich, denke ich, weiche dann aber doch zurück, dahin, wo die Hildegardstraße die Konradstraße kreuzt und Sofas, Mülltonnen und Blumentöpfe als Barrikaden stehen. Es wird Wasser organisiert, Reizgas aus den Augen gewaschen. Nach einer Weile bewegen wir uns zurück in Richtung Eisenbahnstraße, vorsichtig. Plötzlich rennen circa 20 Polizist*innen um die Ecke auf uns zu. Ich erschrecke furchtbar und renne zurück. Wir entfernen uns. Ich sehe nicht, was noch passiert.

    Wir verweilen noch auf der Eisenbahnstraße. Das letzte Mal, dass ich auf die Uhr schaue, ist es 2:37 Uhr. Polizist*innen fahren Streife und nehmen, scheinbar wahllos, Leute fest. Wir diskutieren über die Flaschenwerfer*innen. Ich bin dagegen. Jede Form von physischer Gewalt kann der Sache nicht helfen. Es wurden mehrere Demonstrant*innen verletzt – von Polizist*innen und durch die Flaschen anderer Demonstrant*innen.

    Auf dem Weg zurück nach Hause sehe ich zwei Polizeiautos auf Höhe der Einertstraße stehen. Ich halte an und beobachte, sage einem der Männer, der mit den Polizist*innen diskutiert, dass er es lassen soll, weil die Polizei schon zu aggressiv ist. Er entfernt sich daraufhin. Sobald er um die Ecke gelaufen ist, packen die Polizist*innen eine Person, die zuvor im Eingang eines Ladens oder Hauses gelehnt hatte, und stecken ihn in eines der Polizeiautos. Ich nähere mich und höre, wie der eine Polizist sagt: „Der war bei der Randale gerade dabei.“ Ich entgegne: „Ach und Sie können sich ausgerechnet an sein Gesicht erinnern?“ Er: „Man sagt erstmal ‚Guten Tag‘, wenn man zu einem Gespräch dazu kommt.“ Er fährt los. Ich stehe da, kann nichts machen und ärgere mich, dass ich nicht gesagt habe: „Ich war auch dabei, wieso nehmen Sie mich nicht mit? Können Sie sich vielleicht zufällig nicht an mich erinnern, weil ich weiß bin?“

    Ich fahre nach Hause und lege mich hin. Mir wird schwindelig, aber ich entschließe mich dagegen, die Nebenwirkungen von Reizgas zu googlen. Bloß nicht reinsteigern. Um 5 Uhr wache ich auf und übergebe mich.

     

    Titelbild: René Loch

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