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  • Und immer wieder Angst zu sterben

    Nina Lischke

    Gabriele Finck hat mit „Mit der Angst im Gepäck“ ein Buch über ihre Angststörung geschrieben, die während ihrer Studienzeit in Leipzig auftrat. Es geht um den Mut, trotzdem zu leben wie man es möchte.

    Gabriele Finck studierte Soziologie und Erziehungswissenschaften in Leipzig, lebt heute in Greifswald und arbeitet als freie Journalistin und Mediengestalterin. In ihrem Debüt „Mit der Angst im Gepäck“ beschreibt die Mittdreißigerin ihre Panikattacken, ihre Gedanken während verschiedener Phasen der Angststörung und wie sie es schaffte, besser damit umzugehen. Es gibt unterschiedliche Arten von Angststörungen, unter anderem die Panikstörung, von der auch Finck betroffen ist. Dabei treten nach dem International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems, kurz ICD, Angstattacken in Situationen auf, die nicht an spezifische Umstände gebunden sind. Die Angst zu sterben spielt dabei häufig eine Rolle. luhze-Redakteurin Nina Lischke hat mit der Schriftstellerin über den Verlauf ihrer Krankheit, ihre heutige Situation und ihr erstes Buch gesprochen.

    luhze: Du hast ein Buch über das Thema Angst geschrieben, aus deiner Perspektive als Betroffene mit Angststörung. Was war denn der ausschlaggebende Punkt, das Projekt in Angriff zu nehmen?
    Finck: Eine Freundin von mir sagte mal, sie warte ja noch auf das Buch „Reisen als Angsthase“, das ist bestimmt schon 5 Jahre her. Dieser Satz ging mir lange nicht aus dem Kopf. Auf einer Reise nach Kroatien habe ich gemerkt, wie bestimmte Ängste wieder hochkamen und habe einfach mal angefangen zu notieren, was mir in der Situation hilft.

    Du schreibst sehr offen und ehrlich über dein Erleben und deine Erfahrung mit der Angststörung. Hattest du befürchtet, dich dadurch angreifbar zu machen?
    Nee, das kenne ich mehr vom Beginn der Angststörung. Die ersten Jahre habe ich niemandem etwas erzählt. Es war eine Schwäche, die ich mir nicht eingestehen wollte und vor anderen auch nicht. In den letzten Jahren habe ich aber die Erfahrung gemacht, dass es unglaublich bereichernd ist, sich verletzlich und offen zu zeigen und ich möchte auch in einer Gesellschaft leben, in der man sich menschlich zeigen kann. Dazu gehört eben auch, dass man nicht immer der starke, funktionierende Mensch sein kann. Vielleicht mache ich mich angreifbar, aber mit diesen Menschen, für die ich mich angreifbar mache, möchte ich auch gar nichts zu tun haben.

    Was ist dein größtes Anliegen mit dem Buch?
    Menschen Mut zu machen, die Hoffnung zu geben, dass man es schaffen kann, aus diesem Loch rauszukommen, auch, wenn das Gefühl da ist, „es geht nichts mehr“.
    Es ist nicht so, dass man ein Buch liest und dann ist man geheilt. Es geht mehr darum, dass man die Angst ein Stück weit akzeptiert, dass man sie als Teil von sich annimmt und als etwas sieht, womit man arbeiten kann. Einmal wurde mir gesagt: „Dein Therapeut kann ja nicht so gut sein, du hast ja noch Ängste.“ Da war ich so ein, zwei Jahre in Therapie. Aber es ist Arbeit mit sich selbst und die dauert eben seine Zeit.

    Du hast in Leipzig deine Studienzeit verbracht, hier hattest du die erste Panikattacke. Hast du das Gefühl, dass besonders im Studium bei vielen eine Angststörung ausbricht?
    Ja, ich glaube, es liegt an der Situation, dass man plötzlich viel mehr auf sich allein gestellt ist. Alles ist neu und ungewohnt, man ist nicht mehr in diesem Nest der Eltern und ich glaube, das macht ganz viel mit einem Menschen. Wenn man dann eine Veranlagung dazu hat, kann das schon den Ausbruch begünstigen.

    Dabei bist du ja vorher viel gereist …
    Ja, ich war ein quicklebendiges Mädel, das auch überhaupt kein Problem hatte, einfach an einer Stelle aus dem Zug in Tschechien auszusteigen und mitten in der Pampa sein Zelt aufzuschlagen. Man muss nicht von vorneherein ein ängstlicher Typ sein, auch als lebenslustiger, offener Mensch kann einem das passieren. Diese Ängste sind körperlich spürbar und nicht einfach nur ein Gedankenkreisel. Zumindest war es bei mir so.

    Wie empfindest du denn den Umgang mit dem Thema Angst?
    Wir Menschen verdrängen sehr gerne, vor allem hier in der westlichen Welt. Tod, Ängste, Krankheit und Versagen werden totgeschwiegen, alles, was irgendwie negativ behaftet ist. Ich glaube, dadurch werden viele Probleme größer, als sie eigentlich wären, wenn man offen darüber reden könnte. Vieles dramatisiert sich, wenn man damit alleine steht.

    Was würdest du dir in dieser Hinsicht also wünschen?
    Ich wünsche mir einen offenen Dialog darüber und dass man lernt, sich zu zeigen. Damit meine ich, sich menschlicher und verletzlicher zu zeigen und darüber miteinander auch verbunden zu fühlen. Zu merken: „Wir haben doch alle ein Rad ab“ — ist doch super! (lacht)

    Was würdest du denn aus heutiger Perspektive deinem damaligen Ich aus der Studienzeit sagen?
    Ich hatte immer Angst zu sterben. Jetzt, wo ich zehn Jahre später immer noch Ängste habe, aber auch lebe, würde ich mir genau das sagen. Und vor allem: Konzentrier dich nicht auf die Angst, sondern darauf, was du machen willst. Zum See fahren? Oder weiter weg? Dann mach das, auch mit Angst! Je mehr du loslässt und nicht dagegen ankämpfst, desto schöner und leichter machst du dir das Leben. Zu wissen, dass in meinen Erinnerungen die Angst nicht haften bleibt, sondern das Erlebnis an sich, hätte mir viel geholfen.

     

    Bei Anzeichen einer Angststörung gibt es Hilfe in Therapien und Selbsthilfegruppen sowie Internetforen zum gegenseitigen Austausch.

    Gabriele Finck: „Mit der Angst im Gepäck“, 2018, 180 Seiten, self-published

    Titelfoto: Gabriele Finck

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