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  • Klischees zu Klassikern

    Jonas Waack

    „Yesterday“ baut auf die absurde Vorstellung, der Großteil der Menschheit könnte die Lieder der Beatles vergessen, einen Film zum Im-Kinosessel-Versinken – so lang man nicht genau hinschaut.

    Big Ben ist plötzlich unsichtbar, der Eiffelturm erlischt, Fernseher fallen aus und der Kreml versinkt im Dunkel: Ein weltweiter Stromausfall sorgt für Chaos, auch in der kleinen englischen Hafenstadt Clacton-on-Sea, wo der ausgesprochen erfolglose Singer-Songwriter Jack Malik (Himesh Patel) aufgrund fehlender Straßenbeleuchtung von einem Bus angefahren wird. Als er im Krankenhaus in Gesellschaft seiner Kindheitsfreundin, Managerin und Chauffeurin Ellie (Lily James) wieder aufwacht, stellt er fest, dass seinem Gebiss zwei Zähne und dem Rest der Menschheit die Erinnerung an die Beatles und ihre Musik fehlen. Jack tut sich so die Möglichkeit auf, mit den Liedern einer der bekanntesten Bands der Welt selbst berühmt zu werden.

    Im Anschluss an den Unfall nimmt sich der Film nicht viel Zeit damit, Jack zum weltweiten Popstar zu machen. Die 15 Minuten, die er dafür braucht, sind jedoch ein Genuss: Von der Realisierung, dass es kein ausgeklügelter Witz ist, wenn seine Freunde sagen, sie würden die Beatles nicht kennen, zur verzweifelten Suche in seinem Gedächtnis nach den richtigen Texten und seinem ersten Album, das er im Großmarkt mit der Frage „ein Song zum Snickers?“ unter die Leute bringt. Der Spaß endet mit Ed Sheerans Anruf – ja wirklich, Ed Sheeran –, der anbietet, Jack auf seine Europatour mitzunehmen. Daraufhin zieht es ihn in den klischeehaft-verhängnisvollen Bann der Musikindustrie und der Film wird von einer wohligen „Vom Tellerwäscher zum Millionär“-Geschichte zu einem Medley der bekanntesten Beatles-Lieder und Liebesdrama, das sich natürlich um die unklare Beziehung von Jack und Ellie dreht.

    Ed-Sheeran verkörpert sich selbst und verliert prompt in einem Songwriter Wettbewerb gegen Jack.

    Dabei schöpft „Yesterday“ aus dem vollen Rom-Com-Sack der Unterbrechungen-in-intimen-Momenten, indiskreten Freund*innen und Ehrgeiz-im-Weg-der-Liebe und überrascht nur einige wenige Male. Dass Ellie unglücklich in Jack verliebt ist und nicht andersherum, wurde mir erst klar, als sie es ausspricht, auch der Grund – er hätte sie immer nur als seine Schwester betrachtet – ist wenig überzeugend. Lily James‘ Ellie ist jedoch viel zu liebenswert, um nicht mit ihr mitzuleiden, wenn Jack immer und immer wieder Dummheiten anstellt, anstatt ihr einfach seine Liebe zu gestehen. Sie spielt die leicht überforderte, aber stetig enthusiastische Kindheitsfreundin so überzeugend, dass mir nur zwischendurch ab und zu auffiel, dass der Film nur in seiner Vorhersehbarkeit unvorhersehbar ist. Bis zum Schluss habe ich nicht erwartet, dass „Yesterday“ es wagen würde, ein dermaßen absehbares Ende zu wählen. Es ist fast, als hätte Drehbuchautor Richard Curtis versucht, die Stränge des Films zusammenzuknoten, es aber nicht geschafft, und daraufhin eine Heißklebepistole genommen, um sie zusammenzukleben und mit Glitzer „Happy End“ darauf zu schreiben.

    Mit dem Erfolg kommen die Skandale.

    Das heißt nicht, dass es mir keinen Spaß gemacht hat, „Yesterday“ anzusehen. Abgesehen von der angenehm absurden Prämisse, deren Konsequenzen gut dargestellt werden, sind da natürlich die Lieder der Beatles, die für mich jeden Film wenigstens ertragbar machen würden. Dank Ed Sheeran, dessen Auftritte ebenso absurd sind wie der plötzliche partielle Gedächtnisverlust der ganzen Menschheit, der unbestreitbaren Chemie zwischen Himesh Patel und Lily James und den mich immer wieder wohlig-in-den-Kinositz-zurücksinken-lassenden Aufnahmen der englischen Küste habe ich die knapp zwei Stunden zu großen Teilen genossen. Ich hätte mich gefreut, wenn die Beziehung zwischen Jack und Ellie auf Kosten der eher mauen Musikindustrie-Witze in den Vordergrund gestellt geworden wäre. Jack durch die verregneten Straßen Clacton-on-Seas irren zu sehen und im Kopf mit ihm zusammen zu versuchen, den Text von „Eleanor Rigby“ zusammenzubekommen, während immer wieder das Lied mit falschem Text läuft, lässt mir jedoch keine andere Wahl, als den Film zu empfehlen.

    Ab 11. Juli im Kino

    Fotos: Universal Studios

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