• Film
  • Ein Fleckchen Grün in der Ödnis

    Lisa Bullerdiek

    Der Dokumentarfilm „Unsere große kleine Farm“ ist in wunderschönen Bildern erzählt. Er ist zugleich heller Hoffnungsschimmer und eindringliche Warnung.

    Wenn ich als Kind krank war, dann machte meine Mutter „Unsere kleine Farm“ an. Eingehüllt in Decken und den Duft von Hühnersuppe verfolgte ich das Leben der kleinen Laura und ihrer Farmerfamilie. Ich sah zu, wie sie den Elementen in der wilden Prärie Amerikas im 19. Jahrhundert trotzten, wie sie Krankheit, Tod und fiese Klassenkameradinnen überwanden, wie sie sich ein Zuhause schufen. Am Ende war immer alles gut und allen Strapazen, waren sie noch so hart, konnte Sinn abgewonnen werden. Nie fehlte es ihnen an Hoffnung. Mein Fieber und die Kopfschmerzen waren auch vergessen.

    Auch im Dokumentarfilm „Unsere große kleine Farm“ geht es darum, sich ein Zuhause zu schaffen, zuallererst für Todd, den geliebten Hund von Molly und John. Denn in ihrem kleinen Appartement in Los Angeles können sie mit ihrem kläffenden Ziehkind nicht bleiben. In dieser Notsituation erinnert sich Molly an einen alten Traum. Sie will auf einer Farm leben, aber nicht auf irgendeiner. Wovon sie träumt, ist eine Farm wie aus einem Kinderbuch, komplett mit saftigen grünen Hügeln, dem schweren Duft von Obstbäumen und flimmernden Käfern in der Luft. Ihre Idee spricht sich herum und obwohl die meisten ihrer Freunde skeptisch sind, finden sie Investoren und kaufen kurzerhand ein Stück Land etwas außerhalb von Los Angeles.

    Todd auf dem Weg in sein neues Zuhause

    Zu Anfang fügt sich ihre Farm nahtlos in die braune Felslandschaft um sie herum ein und statt bunter Blumen und mächtigen Bäumen ragen Sträucher und Felsen aus dem sandigen Boden. Die einseitige Nutzung des Bodens hat beinahe alles Leben in der Erde und in der Luft zerstört. Unter Todds wachsamen, eisblauen Augen beginnt ein Kampf gegen das menschengemachte Niemandsland, das sie umgibt. Das Leben soll sich nun in seiner üppigsten Form auf der Farm ausbreiten. Aber das geht mit verschiedenen Problemen einher, denn die Natur folgt selten menschengemachten Plänen. So ist sie der einzige Ausweg und der größte Gegner für Molly und John.

    Der Vergleich mit „Unsere kleine Farm“ bietet sich nicht nur wegen des Titels an. Beides, die verstaubte Serie und der wunderschöne Dokumentarfilm, haben Hoffnung als zentrales Thema. Nicht nur als Thema eigentlich, es ist eher ein Gefühl. Wenn Michael Landon mal wieder den Tag rettet, sich Familie und Freunde nach überstandenem Kummer in den Armen liegen, dann ist das wie die kindliche Freude daran, dass sich auf der Farm eins zum anderen fügt, die Natur immer einen Weg zu finden scheint. Die Umarmung der Liebsten in „Unsere kleine Farm“ ist hier das Gefühl, die Welt wiederzufinden, die als verloren galt. Damit meine ich eine Welt, die ein Zuhause für uns alle sein kann.

    Molly wächst mit ihren Aufgaben auf der Farm.

    Der Film passt zu dem Gefühl, das ich seit Wochen mit mir herumtrage: Hoffnung. Das ich fühle, wenn ich an die Kinder denke, die jeden Freitag für genau dieses Zuhause demonstrieren oder als bei der letzten Europawahl auf einmal die Einstellungen der Parteien zu Klimaschutz als wahlentscheidend galten. „Unsere große kleine Farm“ ist also nicht der pure Eskapismus meiner Kindheit, sondern auch eine Erinnerung daran, was auf dem Spiel steht und Hoffnung darauf, was möglich ist. Dabei vergisst der Film aber nie an die Schwierigkeiten zu erinnern, die bevorstehen. Molly und John kämpfen nicht nur gegen Dürre und Kojoten, sondern auch gegen ihren eignen Zweifel an ihrem Projekt. Auch Tod, Kummer und Verlust haben auf der Farm ihren Platz gefunden. Es sind gerade diese Verbeugungen vor allen Facetten des Lebens, die diesen Dokumentarfilm zu etwas ganz besonderem machen.

     

    Fotos: FarmLore Films

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