• Kultur
  • Die Melodien des Krieges

    Theresa Moosmann

    „Musik, die weh tut“, das versprach David Timm, Leiter des Universitätschors Leipzig vor dem Sommersemesterkonzert vergangenes Wochenende. Auf dem Plan stand ein Requiem von Benjamin Britten.

    Alles begann mit einem feinen Glockenton. Was zunächst monoton anmutete, erhob sich bald zu einem Klangteppich, der Nichtkundige keine einzelnen Instrumente mehr heraushören ließ. Und der durch Mark und Bein ging.
    Am vergangenen Samstag und Sonntag veranstaltete das Universitätsorchester Leipzig gemeinsam mit dem Universitätschor und dem MDR-Kinderchor zwei Konzerte zum Semesterabschluss in der Peterskirche. Neben den drei unterschiedlichen Ensembles, die sich für das Konzert vereinten, sangen drei externe Sänger*innen die Soli des Stückes. Auf dem Programm stand das „War Requiem“ von Benjamin Britten, das er im Jahr 1960 komponierte. Es ist im Vergleich zu den Semesterkonzerten der Vorjahre ein junges Werk, und es wurde bewusst ausgewählt, wie Universitätsmusikdirektor David Timm in einer kurzen Ansprache erklärte.

    Das Stück von Britten erzählt vom Zweiten Weltkrieg. Elend, niederschmetternde Verluste und das Hadern mit Gott – in fünf Akten formulierte der Musiker seine Sicht und Gefühle während der Nachkriegszeit auf Notenpapier. Die Geschichte des Krieges in Melodien zu fassen ist schwer vorstellbar doch die Emotionen, die Britten hier vertonte, machen das War Requiem zu einem speziellen Erlebnis.

    Wer den Dirigenten Timm im Auge behielt, verstand das Stück um einiges besser. Kaum fließende Bewegungen, viel wilde Dynamik. Seine Arme ließen den Chor vor allem flüstern, sprechen oder schreien und selten konventionell singen. Sobald man vermutete, den Takt verstanden zu haben, wurde man durch einen Paukenschlag oder eine gezupfte Kontrabasssaite unterbrochen. Man spürte förmlich das Chaos, die Willkür und die Sinnlosigkeit des Krieges. Die Melodien der Blasinstrumente zeigten den sekundenschnellen Umschwung von Euphorie und Fanfaren auf Gefahr und Angst. Kaum währte man sich als Zuhörer*in in Sicherheit, dass die laut ausgetragene Schlacht vorbei sein muss, ertönten die Stimmen des MDR-Kinderchores vor der Empore und erzählten von hoffnungsloser Trauer. Mehr als alles andere fühlte sich das Zuhören beklemmend an.

    Das War Requiem ist keine leichte Kost, es ist nicht harmonisch, folgt dem Gehör nach keinem festen Muster oder Takt und lässt die Zuhörenden verzweifelt zurück. Brittens hat das Stück mit genau dieser Intention verfasst, und die beteiligten Ensembles haben es in der Peterskirche würdig aufgeführt. Mit einem wichtigen Hintergrundgedanken: Der Krieg mag nicht mehr präsent sein, doch gerade wir jungen Menschen dürfen ihn nicht vergessen.

    Foto: Pia Benthin

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