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  • Die Robin Hood der Biotonnen

    Zwischen Lebensmittelrettung und Verbrechen: Die Kontroverse ums Containern findet keine Lösung, gehört aber zum Alltag einiger Studierender. Wir haben eine Containerin bei ihrem Streifzug begleitet.

    Mit einem großen Wanderrucksack, ei­ner blauen Ikea-Tasche und einer Plastiktüte – alle drei leer – steht Mila an der Straßenbahnhaltestelle und war­tet. Noch drei Minuten. Plötzlich verschwindet die Bahn von der Anzeige. Eine Frau ruft uns im Vorbeigehen zu, dass es einen Unfall gab und die Bahn jetzt ausfällt. Mila runzelt die Stirn. „Das ist gar nicht gut. Je später wir ankommen, desto länger lagen die Milchprodukte in der Hitze“, erklärt sie besorgt.

    Lebensmittelrettung verboten

    Mila heißt eigentlich anders, möchte aber nicht erkannt werden. Der Grund: Sie ist gerade auf dem Weg zu einem Supermarkt, um in dessen Abfällen nach Essbarem zu suchen. Was weltweit als „Containern“ bekannt ist, ist in Deutschland eine Straftat. Da die Müllcontainer in der Regel auf Privatgelände stehen und der Abfall Eigentum des jeweiligen Geschäfts ist, handelt es sich nach deutschem Recht um Hausfriedensbruch und Diebstahl. Mila ist eine von vielen Studierenden, die dem Risiko einer Verhaftung trotzen und bei denen Containern beständiger Teil ihres Alltags ist. Erst im Januar sorgte die Verurteilung zweier Olchinger Studentinnen, die aus dem Container eines Supermarktes Gemüse und Obst mitgenommen hatten, für Aufsehen. Daraufhin forderte der Hamburger Justizsenator der Grünen, Till Steffen, Containern straffrei zu machen. Der Vorstoß scheiterte. Das schreckt Mila jedoch nur bedingt ab. „Bis jetzt ist es noch nie schiefgegangen.“

    Die 24-Jährige hat vor einem halben Jahr mit dem Containern angefangen und geht einmal in der Woche zu einem Supermarkt etwas außerhalb Leipzigs. „Dort ist es sehr leicht und wir bekommen für die ganze WG genug für eine Woche. Es ist schon ein kleiner Geheimtipp“, erzählt sie grinsend. Sie ist über Freund*innen zum Containern gekommen. „Anders wäre es auch schwierig. Man braucht anfangs schon eine Anlaufstelle, ein Netzwerk.“ Den Geheimtipp hätten sie und ihre Freund*innen auch erst nach langer Suche gefunden. Innerhalb Leipzigs sei es sehr schwierig, an die Mülltonnen heranzukommen, viele seien verriegelt oder schwer zugänglich. Für Mila ist es keine finanzielle Notwendigkeit, sich durch die Container zu wühlen. „Mir geht es wie vielen vor allem um Nachhaltigkeit. Man tut etwas Gutes und spart dabei noch Geld.“ So kauft sie etwa auch keine tierischen Produkte, sondern konsumiert sie nur, wenn sie solche beim Containern findet: „Wenn da über 20 noch essbare Eier drin sind, wäre es ja schon blöd, die nicht mitzunehmen.“ Auf diese Weise regt sie die Nachfrage nach den Produkten nicht an, rettet sie aber, damit sie nicht umsonst hergestellt wurden.

    Nervenkitzel bleibt

    Es ist noch hell, als Mila den Schleichweg hinter jenem Supermarkt entlangläuft. Sie schaut vorsichtig um die Ecke, ob die Luft rein ist. Als sie auf das Häuschen zuläuft, in dem die Mülltonnen stehen, wird sie etwas schneller. Ein Parkplatz, auf dem nur noch vereinzelt Autos geparkt sind und ein etwa 100 Meter entferntes Wohnhaus mit offenen Fenstern bieten freie Sicht auf uns. Mila öffnet gekonnt die unverschlossene Tür und wir huschen hinein, die Tür schließen wir wieder hinter uns. „Der Nervenkitzel bleibt immer“, gibt Mila zu und erzählt von einer Begebenheit, bei der sie am selben Ort mal ein anderes Mädchen beim Containern antraf. „Da dachte ich kurz: Das war’s jetzt. Hätte ja auch ein Mitarbeiter sein können.“ Sollte ihr das je passieren, würde Mila ver­suchen, die Situation freund­lich zu erklären und zu verhandeln. „Bei der Polizei ist das was anderes, die müssen ja ihren Job machen.“ Nur wenig Tageslicht fällt durch die Wände des Häuschens, in dem zwei blaue Tonnen stehen. Es ist eng, mehr als zwei Personen hätten hier wohl kaum Platz. Mila stellt ihre Taschen zum Befüllen bereit auf den Boden, öffnet beide Tonnen und fängt beherzt zu wühlen an. „Die Tonnen sind meistens sehr sauber und wenn man in irgendetwas rein fasst, wäscht man das eben danach ab“, kommentiert sie. Für das ungeschulte Auge gibt es hier nicht viel zu holen: Viele einzelne Salatblätter und Erdbeeren sind alles, was man auf den ersten Blick sieht.

    Der Griff in die Tonne (Foto: as)

    In der zweiten Tonne sieht es noch karger aus. Ein eingeschweißter Hotdog und ein bereits schimmelnder Camembert thronen auf drei vertrockneten Pflanzen. Doch darunter finden sich genießbare Schätze: ein Bio-Joghurt, ein Rohkostsalat und ein Schokopudding scheinen noch in gutem Zustand zu sein. Alle drei Waren tragen „30 Prozent Rabatt“-Aufkleber, sie scheinen kurz vor Ladenschluss reduziert worden zu sein. So handhaben es viele Supermärkte, um der Lebensmittelvernichtung entgegenzuwirken. Laut Anna Münzing, Unternehmenssprecherin von Kaufland, werden Artikel bereits vor Erreichen des Haltbarkeitsdatums preisreduziert verkauft. „Auch Obst- und Gemüseartikel, die wir aufgrund der von uns geforderten Tagesfrische am nächsten Tag nicht mehr anbieten möchten, bieten wir kurz vor Ladenschluss verbilligt an.“

    Schöner Salat

    Unter den weggeworfenen Waren befinden sich auch einige Fleisch- und Fischprodukte. „Eigentlich essen wir das in unserer WG nicht, aber wenn es noch gut ist, kann ich einfach nicht anders als es trotzdem mitzunehmen“, erklärt Mila und fühlt, ob die Packung schon warm ist, was bei den meisten der Fall ist. Sie inspiziert alles ganz genau, checkt das Haltbarkeitsdatum und schaut bei Großpackungen, ob noch etwas Gutes dabei ist. Sie findet unter anderem ein halbes Dutzend in Plastikbehältern verpackte Weintrauben. „Solche Plastikverpackungen sind ein großes Problem, da schon die ganze Packung weggeschmissen wird, wenn nur eine Sache schlecht ist“, kritisiert Mila. So hätten sie und ihre Mitbewohner*innen im Winter kiloweise Orangen mit nach Hause nehmen können. Sie muss sich mittlerweile auf Zehenspitzen stellen, um an das Innere der Tonne zu gelangen, in der sich vor allem viel Obst und Gemüse befindet: „Daraus kann ich einen schönen Salat machen“, sagt Mila. Ihre Freude hat aber einen bitteren Beigeschmack. „Am besten wäre ja, wir hätten heute nichts gefunden. Wir sind leider erfolgreich gewesen.“ Beim Verlassen achtet Mila darauf, den Platz sauber zu hinterlassen. Auch vorm Schlösserknacken, bei vielen Container*innen eine gängige Praxis, macht sie Halt: „Ich will keine Sachen kaputt machen, sondern ein Umdenken erwirken.“

    Kampf gegen Verschwendung

    Dafür will sich Mila in Zukunft mehr engagieren und sich auch politisch gegen Lebensmittelverschwendung einsetzen. Jährlich werden in Deutsch­land elf Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen, 61 Prozent des Mülls kommt aus Privathaushalten. Somit machen die Abfälle der Supermärkte nur einen vergleichsweise kleinen Teil aus, doch Länder wie Frankreich und Italien gehen trotzdem bereits gesetzlich dagegen vor. So darf ein Supermarkt mit einer Verkaufsfläche von über 400 Quadratmetern seine Nahrungsmittelreste nicht entsorgen, sondern muss sie zum Beispiel als Tierfutter oder Dünger verkaufen. In Österreich und der Schweiz ist Containern prinzipiell erlaubt, da Müll dort als herrenlose Sache gilt. In Kanada ist es sogar legal und wird daher tagsüber praktiziert.

    Das Kaufhaus „Lestra“ in Bremen hat vor etwa zwei Wochen als erstes einen Schritt gegen die Kriminalisierung der Lebensmittelrettung unternommen. Wie Geschäftsführer Cornelius Strangemann ausdrücklich erklärt, soll niemand angezeigt werden. Stattdessen hängt nun ein Schild mit allgemeinen Hinweisen wie etwa zur Haltbarkeit von Milchprodukten an den Mülltonnen. Für viele Supermärkte ist dies undenkbar. „Wir können keine Haftung für die Unversehrtheit der Gesundheit übernehmen“, erklärt Münzing. Dem entgegnet Mila: „Wenn man halbwegs Menschenverstand hat, kann man schon selbst gut einschätzen, was noch essbar ist und was nicht.“ Zudem wasche sie zuhause das gesammelte Gut gründlich ab und sortiere noch einmal aus. „Man muss es dann auch innerhalb weniger Tage konsumieren“, fügt sie hinzu.

    Wir laufen den Schleichweg zurück und zerkratzen uns die Beine an dornigen Sträuchern, während wir Mücken von uns scheuchen – ein kleiner Preis für unsere Ausbeute. Mila erzählt: „An manchen Tagen sind es auch nur Blumen, die wir finden. Die verteilen wir dann an Leute, denen wir auf dem Rückweg begegnen.“

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