• Kolumne
  • Wenn Alman eine Reise tut

    Luise Mosig

    Beim Bahnfahren lernt man die Deutschen besonders gut kennen. Kolumnistin Luise wünscht sich, sie würden nicht nur übers Wetter reden und hartgekochte Eier essen, sondern gegen Rassismus aufstehen.

    „Wer die Deutschen richtig kennenlernen will, der sollte Bahn fahren“, so oder so ähnlich lautet ein Satz, den man oft zu hören bekommt. Die meisten Menschen, die hierzulande Bahn fahren, würden diesen Satz wohl mit kräftigem Nicken doppelt unterschreiben. Mit einem fetten, roten Kuli. Er bezieht sich oft auf die Deutschen, die der Grund dafür sind, dass Alman-Meme-Accounts auf Instagram hunderttausende Follower haben. Auf die fleischgewordenen Achims und Anettes, die im vollgestopften Freitagnachmittag-Regio Delikatess-Mini-Wiener und hartgekochte Eier auspacken, sich ein Taschentuch auf den Schoß legen und sie in aller Seelenruhe verzehren. Und die Achims und Anettes, die danebensitzen und sich nach spätestens zwei Minuten über den Geruch beschweren.

    Das ist alles gut und schön und belustigend, denn so sind die Deutschen nun mal, sie fragen ihren Partner mit gefletschten Zähnen und brummendem Bauchlachen: „Sag mal, bist du ins Klo gefallen?“, wenn der Zugtoilettengang länger gedauert hat als sonst. Wenn sie ihre Füße auf den Vierersitz hochlegen, dann nur ordnungsgemäß mit einem Stück Zeitung drunter. Sie beschweren sich mit großer Hingabe über die „Affenhitze“ im Sommer, na und hoffentlich fallen jetzt die Klimaanlagen nicht aus, bei der Bahn kann man ja nie wissen.

    Kolumnistin Luise hat erfahren, dass Zivilcourage leider nicht selbstverständlich ist.

    Ich fahre im Monat durchschnittlich wohl 18 Stunden Bahn, ich kenne die Deutschen gut. Ich würde mit einem fetten roten Kuli guten Gewissens all das unterschreiben. Im Übrigen esse ich selbst gern hartgekochte Eier und Delikatess-Mini-Wiener und halte Small-Talk übers Wetter.

    An einem Freitagnachmittag vor drei Wochen saß ich mal wieder im Zug gen Heimat, drei Stunden Regio mit Umstieg in Dresden. Es war alles wie immer, es gab deutlich mehr Reisende als Sitzplätze, ich hatte in der Nacht zuvor wenig geschlafen und döste mit dem Kopf am Fenster vor mich her, während die Klimaanlage sich größte Mühe gab, mir einen steifen Nacken oder zumindest Halsschmerzen für den nächsten Tag zu verpassen. „Nächster Halt: Löbau“ verkündete die elektronische Ansagestimme endlich, gleichzeitig klingelte mein Jetzt-Musst-Du-Aussteigen-Notwecker am Handy. Leicht verpennt und mit Speichelspuren im Gesicht (ja, mein Mund klappt auf, wenn ich im Sitzen schlafe) stellte ich mich nach Alman-Manier in die Bereit-Zum-Aussteigen-Schlange. Mit mir warteten etwa 20 Menschen darauf, dass sich die Tür mit dem vertrauten Piepen öffnete und sie ins Wochenende entließ. Jeder hing so schweigend seinen Gedanken nach, als ein Mittvierziger losbrüllte: „Geht zurück in euer Land, ihr Kameltreiber!“ Seine Worte richteten sich an eine Familie, die anscheinend nicht „von hier“ kam, eine Frau, ein Mann und ein etwa dreizehnjähriger Sohn. Es folgten weitere rassistische Beleidigungen, die ich hier nicht wiedergeben möchte, ihr kennt sie eh alle. Ums Kopftuch der Mutter ging es natürlich auch.

    Ich war plötzlich hellwach. Der herumschreiende Mann stieß die Familie beiseite, drängelte sich an allen Wartenden vorbei und verließ den Zug mit schnellen Schritten, während er weiter menschenfeindliche Phrasen in die Sommerhitze schrie. Die Familie stieg mit gesenkten Köpfen aus der Bahn. Ich war wie gelähmt und schockiert über das, was gerade passiert war, doch am meisten schockierte mich, dass die restlichen 15 Menschen, die den Zug verließen, ihre Köpfe ebenfalls gesenkt hielten. Niemand hatte auch nur ein Wort gesagt. Ich weiß nicht, ob aus Angst oder aus Desinteresse, oder weil es Freitagnachmittag war. Des Deutschen Wochenende beginnt, nach ihm die Sintflut.

    Ich jedenfalls hatte ziemlich Angst vor diesem Typen, in jeder Hand hatte er eine leere Bierflasche. Als ich das Gleis betrat, rannte ich ihm hinterher und stammelte irgendetwas in der Hoffnung, ihn zur Rede stellen zu können. Insgeheim wünschte ich mir, er würde sich nicht umdrehen. Ich stellte mir vor, wie es sich wohl anfühlte, eine Faust ins Gesicht zu bekommen. Das alles geschah in etwa 30 Sekunden, doch es kam mir vor wie die gesamten drei Stunden Zugfahrt davor. Der Typ drehte sich nicht um, er ging nur noch schneller und gab mir ein Handzeichen über seine Schulter, das so viel bedeutete wie: „Red dir nur nen Ast ab, ich hasse diese Menschen trotzdem.“

    Wikipedia, Stichwort Zivilcourage: „Mut, den jemand beweist, indem er humane und demokratische Werte ohne Rücksicht auf eventuelle Folgen in der Öffentlichkeit vertritt.“ Bis zu diesem Juninachmittag war „Zivilcourage“ für mich ein Wort aus dem Ethiklehrbuch, ich wusste um seine Bedeutung, doch war nie in die Situation gekommen, es anwenden zu müssen. Natürlich würde ich meine Stimme erheben, wenn fremde Menschen von anderen fremden Menschen angepöbelt würden, so hätte ich bis dato in jeder Fußgängerzonen-Umfrage geantwortet. Als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, so wie man alten Leuten den Platz freimacht, wenn sie in die Bahn einsteigen. Ich habe erfahren, dass Zivilcourage in der Praxis nichts mit all diesen Selbstverständlichkeiten zutun hat. Es fiel mir unglaublich schwer, in wenigen Sekunden meine Angst zu überwinden und einen fremden, alkoholisierten, aggressiven Mann zur Rede zu stellen. Meine zittrigen Worte werden an seiner Weltanschauung nichts ändern. Doch vielleicht haben sie der beschimpften Familie das Gefühl gegeben, nicht von allen Seiten gehasst zu werden. Und vielleicht haben sie die 15 Mitreisenden aus ihrer Eskapismus-Blase gelockt oder gar ermutigt, in der nächsten Situation ihre Stimme zu erheben. Denn sie kommt bestimmt. Ich wünsche mir so sehr, dass ich die bahnfahrenden Deutschen dann noch einmal richtig kennenlernen kann, von ihrer anderen Seite.

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