„Die Menschen fühlen sich abgelehnt“

Leonie Beer

Soziologe Holger Lengfeld beschäftigt sich mit dem Erstarken der AfD. Im Interview spricht er über den Vertrauensverlust in demokratische Institutionen und die „linke Hochburg“ Leipzig.

luhze: Wieso ist die AfD in Ostdeutschland und gerade in Sachsen so stark?

Lengfeld: Die wichtigsten Gründe, warum Menschen rechtspopulistische Parteien unterstützen, sind in Ost wie West die gleichen. Jedoch kommen in Ostdeutschland weitere hinzu, die wir derzeit untersuchen. Das kann mit dem Gefühl einiger Ostdeutscher zusammenhängen, immer noch nicht gleichgestellt zu sein, oder es hat mit dem Rückbau der Infrastruktur in ländlichen Regionen zu tun. Die Menschen machen dafür die Regierung verantwortlich und wählen aus Protest AfD – obwohl die Infrastrukturprobleme eine Folge des durch die Wende verstärkten demografischen Wandels sind.  Allerdings scheint die starke Unterstützungsbereitschaft für die AfD kein spezifisch sächsisches Phänomen zu sein, sondern ein ostdeutsches: Laut einer jüngsten Umfrage wäre die AfD in Brandenburg heute stärkste Partei.

Rückt Sachsen nach rechts? Mit dieser Frage haben wir uns in der Juli-Ausgabe beschäftigt. (Grafik: Marie Nowicki)

Profitiert die AfD vom Vertrauensverlust in herkömmliche Parteien?

Unsere Vermutung ist weitreichender. In Ostdeutschland haben mehr Menschen das Vertrauen in die derzeit praktizierte Demokratie verloren. Das kann man durch kurzfristige Änderungen von Parteiprogrammen nicht wett machen. Menschen, die mit der AfD sympathisieren, eint außerdem durchweg die Ablehnung, wie Zuwanderung nach Deutschland in den letzten Jahren stattgefunden hat. Ansonsten unterscheiden sie sich hinsichtlich Einkommen, Bildungsniveau und Alter sehr. Trotzdem lehnen sie das Prinzip der repräsentativen Demokratie nicht ab, anders als Wähler klassischer rechtsradikaler Parteien, die beispielsweise einen Führerstaat wollen. Es handelt sich um eine eher bürgerliche Wählerschaft.

Wieso wählen mehr Männer als Frauen die AfD?

Generell unterstützen mehr Männer radikale Parteien, sowohl der Linken als auch der Rechten. Möglicherweise hat das etwas mit einer größeren Expressivität zu tun, also der Bereitschaft, sich politisch zu positionieren, was Männer in der gesellschaftlichen Sozialisation eher auszeichnet. Das zeigt sich auch bei der Unterstützungsbereitschaft der AfD.

Weshalb ist Leipzig eine Art „linke Hochburg“ mit vergleichsweise wenigen AfD-Wähler*innen?

Es gibt einen Mythos von Leipzig als Tor zur Welt. Meine Vermutung und die von ostdeutschen Kollegen ist, dass dieser Mythos eher Menschen anzieht, die das gut finden. Das heißt, es ziehen eher Menschen mit Vorstellungen über Weltoffenheit nach Leipzig. Das unterscheidet Leipzig sehr stark von Dresden, weshalb es in Leipzig auch eine politisch aktive linke Szene gibt.

Was empfehlen Sie im Umgang mit AfD-Wähler*innen?

Die Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie ist, dass Menschen trotz unterschiedlicher politischer Vorstellungen im Gespräch bleiben. Das heißt, sich gegenseitig nicht auszugrenzen, weder von rechts noch von links. Das passiert aber immer wieder. So schwer es ist: Nehmen Sie den anderen, der nicht Ihre politische Meinung vertritt, als Gegner, aber setzen Sie sich mit ihm auseinander und betrachten Sie ihn nicht als Feind. Denn Menschen, die sich ausgegrenzt fühlen, halten sich irgendwann nicht mehr an die Regeln der Demokratie. Wenn dann tatsächlich eine charismatische Führerpersönlichkeit kommt – die AfD hat solche Leute bisher nicht – dann könnte es bei Wahlen auch ganz anders ausgehen. Es ist also wichtig, im Gespräch zu bleiben, den anderen als gleichen zu akzeptieren. Das ist eine sehr schwere Herausforderung, aber die beste Voraussetzung, eine gesellschaftliche Krise langfristig zu überstehen.

 

Titelbild: Swen Reichhold, Universität-Leipzig, SUK

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