• Film
  • Eine Frau im Triebwerk der Geschichte

    Charlotte Domberg

    Trevor Nunns „Geschichte eines Lebens“ ruft widersprüchliche Gefühle hervor: Kitschige Szenen und ordinäre Bilder untergraben den starken Plot. Dafür ist die besondere Frauenrolle einen Blick wert.

    Die in Großbritannien lebende Rentnerin Joan Stanley (Judi Dench) wird jäh aus ihrem wenig spektakulären Alltagsleben herausgerissen, als sie wegen Hochverrats angeklagt wird. Eigentlich im Jahr 2000 stattfindend, blendet die Romanverfilmung „Geschichte eines Lebens“ immer wieder auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs zurück, von der die Angeklagte im Verhör berichtet. Die junge Joan (Sophie Cookson) lernt als Physikstudentin in Cambridge eine Gruppe kommunistischer Studierender kennen. Neben ihrer extravaganten Freundin Sonya (Tereza Srbova), trifft Joan auch auf Sonyas Cousin Leo (Tom Hughes), der sie nicht nur politisch in seinen Bann zieht. Die Liebschaft der beiden stellt sich jedoch als kompliziert heraus, denn Leos politische Ambitionen haben für ihn höhere Priorität als Joan.

    Diese begeistert sich nach ihrem Abschluss für einen Job als wissenschaftliche Assistentin bei Tube Alloys, einem streng geheimen britischen Projekt zur Entwicklung der Atombombe. Joan liefert wichtige wissenschaftliche Beiträge für die Entwicklung der britischen Bombe. Angetrieben und motiviert wird sie dabei wiederum von einem Mann – ihrem Chef Max (Stephen Campbell Moore), in den sie sich verliebt. Nicht nur deswegen wird die Beziehung von Joan und Leo auf die Probe gestellt. Denn Leo bringt sie durch seine politische Aktivität in eine verzwickte Lage: ins Triebwerk der politischen Auseinandersetzungen und in eine gefährliche Position als Spionin des russischen Geheimdienstes KGB.

    Joans und Leos erstes Kennenlernen auf einem Treffen kommunistischer Studierender

    Joans und Leos erstes Kennenlernen auf einem Treffen kommunistischer Studierender

    Joans Rolle im Film ist zwiegespalten: Auf der einen Seite ist sie weibliche Vorreiterin, studiert Physik und lernt, sich in der männlich dominierten Arbeitswelt zumindest teilweise zu behaupten. Auch in der kommunistischen Gruppe lässt sie sich nicht so einfach von Leos idealistischen Vorstellungen mitreißen und bewahrt ihre eigene Haltung. Auf der anderen Seite wirken ihre Entscheidungen und Gedanken stark von ihren Emotionen geprägt, sie ist teilweise passiv und hilflos – fast wie ein Spielball, der von Leo gekonnt ausgenutzt wird. Gleichzeitig räumt die einfühlsame Darstellung ihrer Rolle mit dem Vorurteil einer berechnenden, kalten KGB-Agentin auf.

    Die junge Joan handelt aus moralischen Motiven und ist auch im hohen Alter noch überzeugt, sich für den Frieden eingesetzt zu haben. Das macht die Vertracktheit der Umstände deutlich, in denen es kein klares „Richtig“ und „Falsch“ gab. Hierin liegt auch die Stärke des Films: Der komplexe Charakter von Joan und ihr Handeln zeigen die Stärke einzelner Frauen, die eigentlich im Hintergrund standen. So entpuppt sich der emanzipatorische Charakter von Joans Rolle im Film, welcher sich in eine Reihe von anderen Historiendramen wie Yórgos Lánthimos „The Favorite“ oder Josie Rourkes „Maria Stuart“ einreiht, die die Machtausübung von Frauen im Verborgenen thematisieren. Diese Frauen machten es sich zunutze, dass sie gesellschaftlich stark unterschätzt wurden, und drehten den Spieß um.

    Eine der romantischen Szenen zwischen Leo und Joan während ihrer Studienzeit

    Eine der romantischen Szenen zwischen Leo und Joan während ihrer Studienzeit

    Geheimnis eines Lebens, Joans Lebens, ist die abgewandelte Verfilmung der echten Geschichte von Melita Norwood. Sie lebte lange mit ihrem Geheimnis, der Tätigkeit für den KGB und anderen sowjetischen Geheimorganisationen, ohne dass irgendjemand in ihrem Umfeld etwas davon erfuhr. Leider wird der Film dem Titel nicht wirklich gerecht. Die vielleicht interessantere Frage, wie solch ein Geheimnis einen Menschen prägt, wird wenig thematisiert. Vielmehr geht es um den genauen Hergang der Geschichte. Diese wird durch die immer wiederkehrenden Bilder der Universität, britischen Landschaften und Wohneinrichtungen nicht wirklich bereichert. Vieles kommt schon bekannt vor. Auch wird die Handlung des Films immer wieder durch schnulzige Liebesszenen – unterlegt von der dramatischen Musik George Fentons – unterbrochen. Das macht die fehlende Abwechslung nicht besser.

    Auch die Besetzung des Films lässt die Zuschauer*innen etwas ratlos zurück: Judi Denchs großartiges Talent kommt aufgrund ihrer unspektakulären Rolle kaum zur Geltung. Schade, denn sie hätte die Mittelmäßigkeit, die sich durch den gesamten Film zieht, durchbrechen können. So plätschert der Film weder in abschreckender noch in besonders begeisternder Manier dahin. Alles in allem: Für zeitweilige Kinogänger*innen und kitschig Veranlagte durchaus zu empfehlen, andere sollten sich lieber nicht allzu große Hoffnungen machen.

    Ab 4. Juli im Kino

    Fotos: eOne Germany

     

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