• Kolumne
  • Die Verteidigung der Filterblase

    Jonas Waack

    Das Zerplatzen der Filterblase wurde nach der Wahl Donald Trumps zur Allheillösung. Kolumnist Jonas ist der Meinung, dass man sie ruhig behalten darf.

    Als Donald Trump am 9. November 2016 zum neuen US-Präsidenten gewählt wurde, war in der linksliberalen Presse der Weltuntergang eingetreten. Einerseits würde in naher Zukunft ein sexistischer, rassistischer und nicht zuletzt pressefeindlicher Mann im Weißen Haus sitzen. Viel wichtiger war jedoch, dass so ziemlich jede*r Journalist*in genau dieses Ergebnis für unmöglich erklärt hatte und somit ganz monumental falsch lag. Wenige in den USA und noch viel weniger in Deutschland wollten sich vorstellen, dass Trump wirklich gewählt werden könnte ─ dieser von unzähligen Skandalen belastete Kandidat gegen die weltoffene, erfahrene und wenigstens teilweise berechenbare Hillary Clinton. Ich hatte das Gefühl, die Angst vor der eigenen Fehlbarkeit war größer als die vor der Präsidentschaft Trumps.

    Kolumnist und Redakteur Jonas

    Kolumnist Jonas will nicht mit rassistischen Menschen auf Twitter diskutieren.

    Sobald die Panik verebbte, begann die Selbstgeißelung – pardon, Fehleranalyse. Das Problem, so stellte man überall fest, von New York Times über ZEIT bis SPIEGEL, waren die „echo chambers“ und Filterblasen. Hätte ich bloß mehr außerhalb meiner eigenen Komfortzone auf Twitter und Facebook rumgehangen, wäre dieser Unfall einer mehr oder weniger demokratischen Entscheidung nie passiert. Denn – so der Tenor–  , die Elite das städtische Bildungsbürgertum, hat den Anschluss daran verloren, wie sich die sogenannten Abgehängten fühlen, wurde quasi von den Abgehängten abgehängt. Und würde man den Abgehängten auf Twitter folgen, ihren Facebook-Gruppen beitreten und öfter Fox News gucken oder die Kommentarspalten auf t-online.de lesen, erkenne man ihre Probleme. Man könnte sie in der Diskussion von Der Wahrheit überzeugen oder wenigstens voraussehen, dass so etwas wie die Wahl Trumps passieren könnte. Ich habe einige Kolumnen gelesen, in denen mir suggeriert wurde, ich selbst sei in der Verantwortung, genau das zu tun. Meine Blase zerplatzen zu lassen, die Echokammer des Schreckens zu öffnen und die Komfortzone zu verlassen, sei die Aufgabe aller aufgeklärten Bürger*innen, die ihre Verantwortung in der Zivilgesellschaft wahrnehmen wollen, und somit auch die meine.

    Ich halte das für falsch.

    Es gibt für die Erforschung von Einstellungen soziologische Institute, die auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse und Methoden feststellen können, ob Teile der Bevölkerung mit sexistischen, rassistischen oder homophoben Einstellungen sympathisieren. Daraus kann man dann ableiten, wie wahrscheinlich es ist, dass jemand wie Donald Trump gewählt wird, viel wichtiger jedoch: Durch diese Daten ist auch sichtbar, dass es Menschen mit solchen Einstellungen gibt, selbst wenn ein Symptom wie Trump nicht in Erscheinung tritt. Denn wenn Clinton gewonnen hätte, wären diese Menschen nicht plötzlich verschwunden. Das beste Beispiel dafür ist die vorurteilsbelastete und weitgehend negative Einstellung gegenüber dem Islam in Deutschland, die sich seit dem Anstieg der Geflüchtetenzahlen 2015 nur minimal verschlechtert hat, aber weit offensichtlicher geworden ist. Dass es da ein Problem gibt, war also offensichtlich, bevor die Kommentarspalten der Tagesschau-Facebookseite zu toxischem Ödland wurden.

    Das ist jedoch gar nicht der Hauptgrund für meine Abneigung gegenüber dem „Zerstört eure Filterblasen“-Narrativ. Der eigentliche Grund ist, dass ich die Haltung ablehne, jede*r müsse seine*ihre Freizeit opfern, um im Internet mit mehr oder weniger hasserfüllten, meist anonymen Accounts zu diskutieren. Manchmal scrolle ich durch den Twitter-Account eines ehemaligen Klassenkameraden, der rassistische und vor allem anti-muslimische Memes teilt und teilweise sogar selbst erstellt – sein Lieblingstweet ist ein Foto von Jan Böhmermann mit stark vergrößerter Nase, also ein offensichtlich antisemitisches Bild. Ich trete absichtlich aus meiner Komfortzone heraus und sehe mir an, wie anders meine Erfahrung sein könnte, wenn ich meine Timeline anders kuratieren würde. Letztlich kommt dabei nichts heraus als Übelkeit und Ekel über den offenen Rassismus, den ich ihm nie zugetraut hätte, und das Gefühl, meine Zeit verschwendet zu haben. Denn mit jemandem über das Für und Wider von Immigration zu diskutieren, der mit tiefer Herablassung das N-Wort verwendet, ist nicht sinnvoll.

    Es ist nicht meine Aufgabe, meine Freizeit damit zu verbringen, mit ihm zu diskutieren. Denn wenn ich beim Prokrastinieren nur Terry-Pratchett-Zitate und Fußballtransfergerüchte sehen möchte, ohne zwischendurch ekelerregende Aussagen von Erika Steinbach lesen zu müssen, ist das mein gutes Recht. Rassistische Aussagen im Internet zu verhindern ist die Aufgabe der jeweiligen sozialen Plattform und des Staates. Die Verantwortung des*der Einzelnen gegenüber der Zivilgesellschaft liegt nicht im Internet, sondern auf der Straße: Gegen Rassismus und Sexismus zu demonstrieren oder wenigstens Sticker zu entfernen und so zu zeigen, dass wir Diskriminierung nicht akzeptieren, halte ich für weit effektiver als clevere GIFs an @realdonaldtrump zu senden.

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