• Reportage
  • Staatsangehörigkeit: Deutsch, Nationalität: Sorbisch

    Luise Mosig

    Leipzig ist die einzige Stadt in Deutschland, in der man Sorabistik studieren kann. Viele sorbische Studierende leben unter sich. Ein Einblick in einen Alltag zwischen Studium und Traditionen

    In Zweierreihen stehen sie da. Die Frauen in langen Blumenröcken, die Männer in Anzughose und Hemd. Trotz des Regens beginnen sie mit dem Paartanz, begleitet von Ziehharmonika und Trompete. An den Hauben der Frauen sind bodenlange Schleier befes­tigt, die durch die feuchte Mailuft wirbeln. Zum Schluss lösen sich die Paare auf und formen einen Kreis, verschränken ihre Arme ineinander und tanzen: um einen Kasten Urkrostitzer.

    Es ist das traditionelle Maibaumwerfen der Sorabija Lipsk, ein Verein sorbischer Studierender in Leipzig. Die Sorben sind ein kleines slawisches Volk – eine von vier nationalen Minderheiten in Deutschland – das heute in der Lausitz beheimatet ist, etwa zwischen Spreewald und Lausitzer Bergland. Die Niedersorben, auch Wenden genannt, leben in Brandenburg in der Umgebung von Cottbus und sprechen Niedersorbisch. Die Hochburg der Obersorben ist das sächsische Bautzen, wo Obersorbisch gesprochen wird. „Wir verstehen uns, aber es sind schon sehr unterschiedliche Sprachen – wie Deutsch und Niederländisch“, erklärt Jo­sef Donath. Der 21-Jährige ist eben noch beim jahrhundertealten Brauch des Maibaumwerfens mit den Sorabija-Männern um die Wette gelaufen. Der Schnellste von ihnen durfte als „Maikönig“ eine der Frauen als seine „Maikönigin“ zum Tanz auffordern. Jetzt sitzt Josef mit einem Bier in der Hand im Flur des Studentenwohnheims in der Arno-Nitzsche-Straße und erzählt von seinem Studium, seiner Kindheit, seiner Heimat.

    Zuhause in Crostwitz, wo etwa 80 Prozent der Einwohner Sorbisch sprechen, heißt er Józef Donat. Obersorbisch ist seine Muttersprache, „Deutsch ler­nen bei uns viele erst in der Grundschule“. Nach dem Abitur am Sorbischen Gymnasium in Bautzen zog er nach Leipzig, die einzige Stadt, in der man Sorabistik – sorbische Sprache – studieren kann. Josef studiert Grundschullehramt mit dem Hauptfach Sorbisch, „quasi mein Rückfahr­ticket in die Heimat“. Denn Sorbischlehrer wer­den dringend gesucht. Die UNESCO stuft Nieder- und Obersorbisch als „gefährdete Sprachen“ ein. Die Zahl der Muttersprachler nimmt ab, sodass die Sprachen in wenigen Generationen verschwunden sein könnten. Wie viele Sorben es noch gibt, ist in keiner Studie erfasst. „Wikipedia sagt 60.000, aber schrei­ben Sie das ja nicht in den Artikel, die Zahl ist viel zu hoch“, sagt Liza Wal­the­rowa, Doktorandin am Ins­titut für Sorabistik. „Man müss­te zuerst definieren, wer sich als Sorbe sieht. Schon da beginnen die Schwierigkeiten.“

    Doppelleben

    Josef ist laut Personalausweis Deutscher. Fragt man ihn nach seiner Nationalität, antwortet er selbstverständlich, dass er Sorbe sei. Ein Sorbe, der eben in Deutschland lebe. Zusammen mit 19 anderen sorbischen Studierenden wohnt er auf zwei Etagen in der Arno-Nitzsche-Straße 40. Auf der Website des Leipziger Studentenwerks wird das Wohnheim als „besonders geeignet für sorbische Studierende“ bezeichnet. „Wir behalten 22 Zimmer sorbischen Studierenden vor“, erklärt Nora Müller, Abteilungsleiterin für Studentisches Wohnen. Wer bei der Bewerbung auf ein Zimmer die sorbische Herkunft angibt, wird bei der Vergabe auf Wunsch auf die beiden Etagen verteilt. „Die Unterstützung der sorbischen Studierenden mit Unterbringung in einem separaten Wohn­heim gab es schon zu DDR-Zei­ten“, erläutert Müller. Nach Unterdrückung im Nationalsozialismus wurden die Sorben in der Verfassung der DDR als Minderheit anerkannt. Ortsschilder wurden nach 1949 zweisprachig, sorbischer Schulunterricht gefördert, und in Leipzig zogen die ersten sorbischen Studierenden in ein eigenes Wohnheim, damals noch in der Bornaischen Straße. Der Umzug in die Arno-Nitzsche-Straße erfolgte 2010.

    Sorbische Studierende beim traditionellen Maibaumwerfen

    Paartanz um einen Kasten Urkrostitzer

    Mittelpunkt des sorbischen Lebens im Wohnheim bilden drei Gemeinschaftsräume namens Zentrifuge, die das Studentenwerk zur Verfügung stellt. „Das gemeinsame Wohnen ist wichtig, um den Studierenden die Pflege ihrer Sprache und Traditionen zu ermöglichen“, sagt Müller. Auf den ersten Blick mutet die Zentrifuge an wie ein ganz normaler Studierendenclub: eine Bar, leere Meisterbräu-Kästen, ein eingestaubtes Klavier. Der Fernseher thront stilecht auf vier Urkrostitzer-Kästen, in der Ecke stehen ein Dreibeingrill und ein angebrochener Sack Grillkohle. Spätestens, wenn man sich etwas an der Bar bestellen will, fällt auf, dass es eben nicht der StuK und auch nicht der TV-Club ist: Die Getränkeliste ist zweisprachig: Obersorbisch – Deutsch. „Piwo“ steht mit weißer Kreide geschrieben, Bier, und „Palenc“, Schnaps. Auf dem Tresen liegt ein sorbisches Kirchengesangbuch, das älteste Lied darin stammt aus dem 17. Jahrhundert. An der Wand hängen Urkunden: „Bester Sketch“, „Beste Elferratsbegrüßung“, „Bes­­ter Trailer“ – Die Sorabija ist Verein und Elferrat zugleich und veranstaltet jedes Jahr einen Fasching. „Der ist legendär“, meint Adrian vom Physik-Elferrat, der auch zum Maibaumwerfen gekommen ist. „Und echt was besonderes, denn die Sorabija führt ohne viel Technik und Drumherum richtige Theaterstücke auf.“ Alles auf Sorbisch natürlich. Das Studentenwerk unterstützt den Sorabija-Fasching finanziell. Das Hexenbrennen, auf Obersorbisch „Chodojtypalenje“, am 30. April und das Maibaumwerfen („Mejemjetanje“) wenige Wochen später sind weitere kulturelle Höhepunkte.

    Sorbische Studierende beim Hexenbrennen in Leipzig

    „Chodojtypalenje“, das Hexenbrennen, vor dem Wohnheim in Leipzig

    Neben ihrem legendären Fasching sind die Sorben unter den restlichen Studierenden vor allem für eines bekannt: ihr Doppelleben. Denn sie pendeln ständig zwischen Leipzig und der Lausitz. Josef, der selbst fast jedes Wochenende nach Crostwitz fährt, spricht von „heimatlichen Verpflichtungen, die aber viel Spaß machen.“ Er spielt zuhause im Fußballverein, organisiert Dorffeste mit. Andere sind in der Kirchgemeinde aktiv. „Die starke Heimatverbundenheit ist unser kleinster gemeinsamer Nenner“, meint Maximilian Gärtner, der auf Obersorbisch Maksimilian Zahrochnik heißt und von allen nur Max genannt wird. Der 22-Jährige stammt wie Josef aus Crostwitz, die beiden kennen sich seit Kindertagen. Seit Mai letzten Jahres sind beide Vorstandsmitglieder der Sorabija. Max studiert Oberschullehramt für Mathematik und Sport. Auch er möchte danach in die Heimat zurückkehren. „Dort bauen sie auf dich. Viele erwarten, dass man wieder nach Hause kommt.“

    Unter uns

    In Leipzig bleibt der Großteil der sorbischen Studierenden unter sich. Josef erklärt das zum einen mit der begrenzten Zeit, die in Leipzig bleibt. Wenn der Stundenplan es zulässt, sitzen viele schon donnerstags im Zug Richtung Heimat, kehren Sonntagabend ins Wohnheim zurück. Zum anderen sei die Sprache ein starker Identifikationsfaktor. „Ich fühl mich am wohlsten, wenn ich Sorbisch spreche“, erzählt er. Er habe in Leipzig, vor allem durch die Wohngemeinschaft, seinen sor­­bischen Freundeskreis erweitern können. Unter den Elferräten kennt man sich gut, „das macht richtig Bock“, sagt Josef mit einem breiten Grinsen auf den Lippen. Die Saison startet traditionell im November, aber Ende Juli steht der Sommerfasching an, bei dem alle Leipziger Elferräte ein gemeinsames Programm auf die Beine stellen. Vor allem wegen der heimatlichen Verpflichtungen ist es „anders, ein sorbischer Jugendlicher zu sein als ein deutscher“, erzählt er.

    Anfeindungen

    Nicht jeder akzeptiert dieses Anderssein. 2014 griffen in einer Serie von Vorfällen teils maskierte Personen sorbischsprechende Jugendliche nahe Bautzen an. Auch Max und Josef haben Erfahrungen mit Sorbenfeindlichkeit gemacht. Im Oktober kam es bei einer sorbischen Party in Schönau zu einer Schlägerei, angezettelt von Rechtsextremen. Bekannte der beiden wurden angegriffen, Max und Josef waren zum Tatzeitpunkt schon zu Hause. „Die wollen sich oft einfach nur klop­pen“, sagt Max. „Den meis­ten geht es um Provokation“, fügt Josef hinzu. Seine Strategie: Ignorieren, denn mit ihnen zu sprechen, führe oft zu nichts.

    Beim Fußball hat Josef schon Sprüche wie „Kannste kein Deutsch?“ zu hören bekommen. Das sind aber Einzelfälle, betonen die beiden. Im Großen und Ganzen fühlen sie sich „strukturell gut unterstützt“ und wohl in Sachsen. „Es gibt viele Minderheiten, die weniger staatliche Unterstützung bekom­­men“, sagt Max. Man müsse aber immer aufpassen, dass die Politik die Sorben nicht vergesse, ergänzt Jo­sef. Natürlich beschäftige ihn der Aufstieg der AfD. „Wenn das so weiter geht, sollten wir anfangen, uns Sorgen zu machen“, sagt er, nimmt den letzten Schluck seines Biers und geht vom Treppenhaus zurück in die Zentrifuge, aus der Lachen und obersorbischer Schla­­ger ertönen.

    Fotos: Luise Mosig

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