• Kolumne
  • Meister Nihil

    Max Baganz

    Jede und jeder von uns verzweifelt mal am Alltagswahnsinn, den großen Weltproblemen und unseren eigenen, abwechselnden Existenzkrisen. Das Leben ist ein Trauerspiel, aber ganz ehrlich: Was soll’s?

    Nicht alle, die Zeugen der tagtäglichen menschlichen Tragikomödie werden und dabei an Verdauungsproblemen leiden, wenden sich einer Religion zu, ergeben sich einer Ideologie oder ertränken ihren Weltschmerz in Drogen.

    Ehrlich gesagt habe ich mit all diesen Ideen schon gespielt, fahre aber meist nur die Scheuklappen runter, hänge vor meinem Bildschirm und sauge semi-anspruchsvollen Inhalt aus YouTube in meine Synapsen auf. Dabei nehme ich meinen Laptop nach draußen, aufs Klo, in die Küche, in die Badewanne. Rauschen muss es, laut soll es sein, zumindest laut und konstant genug um diese schweren und quälenden Gedanken vertreiben zu können.

    Irgendwann dringen Angst und Verzweiflung aber doch tiefer in mein Hirn, als der digitale Krach. Die Menschheit frisst sich auf, vergiftet ihr Habitat, lässt sich versklaven und spielt mit ihren Kindern im Garten, während es Fallout regnet, Mikroplastik aus dem Boden wächst und vor dem Hoftor ein Bettler verhungert.

    Ich sehe zu und merke, dass bislang wahrscheinlich keine Zeit unser Verantwortungsgefühl so sehr herausgefordert hat, wie sie unsere Hilflosigkeit bloßstellt. Mein Modus Operandi liegt darum irgendwo zwischen Aufschrei und Flucht.

    Kolumnist Max Baganz: Ein hoffnungslos hoffnungsvoller Fall.

    Kolumnist Max Baganz: Ein hoffnungslos hoffnungsvoller Fall.

    Ich erinnere mich an ein paar Wortfetzen von Leuten, die sich eingehender als ich mit Denkern wie Nietzsche oder Camus auseinandergesetzt haben, finde im Grunde aber nur zu einer Weltsicht zurück, die schon lange unbewegt im Grund meines Bewusstseins liegt: Die Erkenntnis des Absurden, die Akzeptanz der vermeintlichen Unvereinbarkeiten, die stoische Sinnfindung in einer Welt, die von jeglichem Sinn befreit ist.

    Gott ist tot oder seine Existenz ist bedeutungslos. Moral und Ethik sind ebenso verhandelbar wie der allgemeine Modegeschmack. Unser Lebens ist viel zu kurz, um auch nur annähernd verstehen zu können, was mit uns und der Welt passiert. Der Tod ist unausweichlich und ewig.

    Wieviel Bedeutung ist unseren Querelen, Zweifeln, Sorgen und Hoffnungen zuzuschreiben, bedenke ich nur uns winzige Partikel auf diesem kosmischen Staubkorn in einem Universum von Staubkörnern? Während sich die immer selben, alten Geschichten mit immer neuen, sich selbst überschätzenden Menschen vor mir abspielen, weiß ich trotzdem, dass es nicht infrage kommt, sich dem Absurden zu ergeben. Wieviel Freiheit bedeutet es doch ein positiver Nihilist, ein Absurdist zu sein! Wieviele Möglichkeiten der Selbstverwirklichung, wenn man tatsächlich nur sich selbst Rechenschaft schuldet! Wieviel innerer Frieden dank der Erkenntnis, dass angesichts der großen, endgültigen Leere rein gar nichts Bestand und Gewicht hat!

    Der Komet kommt näher und Feuer brechen aus, also greife ich mir ein Bier, setze die Sonnenbrille auf, schnappe mir meinen Säbel, und spaziere dem Weltuntergang entgegen. Ich verkneife mir mein herzhaftes Lachen nicht und genieße den Geruch von Phosphor und Wüstensand.

    Foto: Pixabay

    Verwandte Artikel

    Diashow der Vergangenheit

    Kolumnist Paul sagt Leipzig adé. Seine Erinnerungen fließen dahin und fühlen sich einzigartig an. Und doch geht es vielen so. Denn gerade die gemeinsamen Singularitäten sind das Besondere der Welt.

    Kolumne | 16. Juni 2019

    Ein Plädoyer fürs Weinen

    Fast nie sehen wir Menschen in der Öffentlichkeit weinen und wenn doch, ist uns das unangenehm. Lieber verstecken wir uns. Wir müssen das Weinen von seiner Scham befreien, findet Kolumnistin Alicia.

    Kolumne | 26. Mai 2019