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  • „Ich will definitiv zur Spitze gehören“

    Hagen Küsters

    Marie Burchard ist 21, Profiathletin im Bereich Mittelstrecke und Jurastudentin an der Universität Leipzig. Um beides zu vereinbaren, setzt sie auf ein gutes Zeitmanagement und viel Ehrgeiz.

    Marie Burchard lässt sich an diesem sonnigen Nachmittag im Lenné-Park am Campus Augustusplatz der Universität Leipzig nieder. Die 21-jährige Leistungssportlerin berichtet, dass ihre Trainer und ihr Arzt sie zu einer Zwangspause verdonnert haben. Der Grund: Ihre Eisenwerte sind zu niedrig. Um möglichen Risiken präventiv entgegenzuwirken, muss die Athletin für einige Tage den sportlichen Alltag ruhenlassen. „Das bedeutet aber nicht, dass ich mich jetzt vollkommen entspannen kann“, betont Marie mit einem Lächeln. Denn die mentale Vorbereitung auf die anstehenden Trainingseinheiten und Qualifikationswettkämpfe geht selbstverständlich weiter.

    Leichtathletin Marie bei der Preisverleihung mit einer Medaille in der Hand.

    Marie Burchard gehört zu den deutschen Hoffnungsträgerinnen über die Mittel- und Langstrecke. (Foto: privat)

    Die Leichtathletin gehört zu den deutschen Hoffnungsträgerinnen im Bereich Mittel- und Langstrecke. In ihrer momentanen Paradedisziplin, den 1.500 Metern, konnte sich die gebürtige Rostockerin für das Nationalteam im Mittelstreckenlauf qualifizieren und zählt zum Nachwuchskader 1 (U23). Die Ernennung ins Nationalteam bringt für Marie Verpflichtungen mit, die ihren Alltag prägen. Ihre Trainingswoche besteht aus 13 Sporteinheiten, routinemäßigen Arzt- und Physiotherapiesitzungen und Yoga. „Das ist eigentlich ein Vollzeitjob, der so etwas wie einen Unialltag nebenbei gar nicht duldet“, erklärt Marie. Umso bemerkenswerter, dass die zielstrebige Athletin neben ihrer sportlichen Karriere im vierten Semester Jura an der Universität Leipzig studiert. Um beides zu vereinbaren, setzt Marie auf ein gutes Zeitmanagement. Bereits morgens gegen sieben trainiert sie die erste Einheit des Tages, einen zehn bis 15 Kilometer langen Dauerlauf, ehe sie pünktlich um kurz nach neun den Hörsaal betritt.

    Ihr sportlicher Alltag, der durch einen monatlichen Trainingsplan vorgegeben wird, bringt jedoch auch einen großen Verzicht mit sich. „Das Sozialleben muss da ganz schön was wegstecken. Denn der Sport zwingt einen dazu, ein bisschen egoistisch zu sein, weil man andernfalls gar nicht alles unter einem Hut bekommt“, kommentiert Marie. Spontane Treffen im Park oder feiern gehen fallen weg. „Ich bin oft auch alleine unterwegs, weil mein Zeitplan es nicht erlaubt, mich mit Freunden zu verabreden. Klingt zwar super traurig, aber damit bin ich total cool.“

    Dass Marie nicht nur einen leistungssportlichen, sondern auch einen wissenschaftlichen Weg eingeschlagen hat, liegt vor allem an ihren Eltern. „Meine Eltern waren eigentlich von Anfang an dagegen, dass ich Leistungssport mache“, gesteht sie. Um Mutter und Vater milde zu stimmen, habe Marie ihnen versichert, dass sie ihr Studium ernst nehme und es in der Regelstudienzeit beenden werde. Ein Leistungsdruck, den sie bewusst auf sich nimmt: „Ich verlange auch keine Sonderbehandlung, denn ich habe mich für beide Wege entschieden.“

    Mit Blick auf ihren sportlichen Werdegang fällt auf, dass die junge Mittelstreckenläuferin schon früh Ambitionen hegte, vorne mitzulaufen und ihre Grenzen auszutesten. Bereits in der Grundschule versuchte Marie, immer als Erste das Schulgebäude zu erreichen und nahm sich vor, den Nachhauseweg in einer bestimmten Zeit zu laufen. „Das ging immer von mir aus und war vielleicht auch unbewusst eine kleine Rebellion gegen meine Eltern“, gibt sie lachend zu. Über einen Schulsportverein gelangte Marie dann schließlich zum Leichtathletik. Als die Laufabteilung schließen musste, ging es zum Triathlonverein TC Fiko Rostock, für den sie auch heute noch startet. Dort geriet Marie in die die sportliche Obhut eines Marathontrainers, der auch schon die deutsche Langstreckenläuferin Ulrike Maisch (Gold im Marathon bei der Europameisterschaft in Göteborg 2006) betreute. Mit 17 folgte ein Leistungssprung: „Da habe ich gemerkt, dass es das ist, was ich will und wo ich auch ganz viel Zeit und Energie investieren möchte.“ Folgerichtig entschied sie, Rostock für Leipzig hinter sich zu lassen, um beim Bundestrainer Thomas Dreißigacker zu trainieren.

    Seitdem sie in der Messestadt lebt und trainiert, bezeichnet sie sich selbst als Profisportlerin. Ihre derzeit favorisierte Distanz, die 1.500 Meter, schätzt Marie insbesondere aufgrund der Tempohärte und der Renngestaltung. „Da wird einem alles abverlangt, was man als Mittelstreckenläuferin mitbringen muss“, merkt sie an. Perspektivisch eröffnen sich für die Athletin aber auch neue Distanzen. Ihre sportlichen Werte zeigen, dass sie die Physis und Qualität hat, von der Mittelstrecke zur Langstrecke zu wechseln, also Distanzen von 5.000 und 10.000 Metern. „Sofern mein Körper das noch mitmacht, ist mit Ende 20 auch mal ein Marathon drin“, ergänzt sie und lacht.

    Mit ihren bisherigen Erfolgen beweist Marie, dass sie zu den derzeit stärksten Mittel- und Langstreckenläuferinnen Deutschlands zählt. Bei den Deutschen U23-Meisterschaften 2018 gewann sie sowohl über die 5.000 als auch über die 10.000 Meter Straßenlauf Silber. „In der U23 gehöre ich zu den Besten und bei den Frauen bin ich momentan dabei, den Anschluss zu finden.“ Dass sie die Frauenkonkurrenz nicht scheuen muss, bewies die 21-Jährige bereits bei der diesjährigen Deutsche Hallenmeisterschaft in Leipzig. Hochgestuft in der Frauenkonkurrenz erlief sie sich den vierten Platz über 1.500 Meter. Dieses Jahr startet sie noch in der U23, nächstes Jahr muss sie dann den Absprung in die Frauenriege schaffen. „Ich will auch dort definitiv zur Spitze gehören“, zeigt sich Marie ehrgeizig.

    Um den Weg in die internationale Riege zu schaffen, bereitet sich Marie momentan auf die Qualifikation für die diesjährige Europameisterschaft in Schweden über 1.500 Meter der Frauen vor. Dafür müsste sie ihre Bestzeit aus dem letzten Jahr egalisieren. Diese liegt bei 04:16:41 Minuten. Wie für viele Profisportler*innen heißt auch für die Jurastudentin das Ziel Olympia. „Die Olympischen Spiele 2024 in Paris wären natürlich ein Traum“, räumt Marie ein. Sollte dieser Traum Realität werden, würde sie danach aber nicht aus dem Profisport aussteigen: „Langstreckenlauf oder Mittelstreckenlauf ist für mich nicht nur ein Sport, den ich mache, sondern eine Lebenseinstellung.“

     

    Titelgrafik: Marie Nowicki

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