„Wir alle sind Überlebende“

Sophie Goldau

Sami Steigmann verbrachte seine ersten Lebensjahre in einem ukrainischen Arbeitslager der Nationalsozialisten. Heute reist der 79-Jährige als Motivationssprecher durch die Welt.

Sami Steigmann ist einer der jüngsten Überlebenden des Holocaust. Als er zwei bis vier Jahre alt war, führten nationalsozialistische Ärzte medizinische Experimente in einem Arbeitslager in der Ukraine an ihm durch. Er kann sich daran nicht erinnern, spürt die Nachwirkungen aber noch jeden Tag. Heute ist er Motivationssprecher und bereist die Welt, um seine Botschaft zu verbreiten: „Verliert niemals die Hoffnung.“ student!-Re­dak­teur­in Sophie Goldau hat mit ihm über seine Arbeit und die Zukunft ohne Holocaust-Überlebende gesprochen.

student!: Sie wurden in Czernowitz in der heutigen Ukraine geboren und sind in Reghin, Rumänien, großgeworden, dann nach Israel ausgewandert und leben jetzt in New York. Wo ist oder was bedeutet „Zuhause“ für Sie?
Steigmann: Mein physisches Zuhause sind die USA. Ich bin Amerikaner. Mein sentimentales Zuhause ist jedoch Israel. Das ist mein Land. Leute fragen mich oft, was es bedeutet, ein Jude zu sein. Es ist meine Identität.

Sie erinnern sich nicht an die Zeit im Arbeitslager. Warum sind Sie trotzdem Motivationssprecher geworden?
Ich habe mich nie als Motivationssprecher gesehen. Ich dachte, ich wäre jemand, der auf­grund fehlender Erinnerung keine Geschichte zu erzählen hat. Vor elf Jahren stand ich zum ersten Mal vor einer Klasse. Danach bekam ich Dankesbriefe, einer schöner als der an­dere. Eine Sechstklässlerin ver­sprach mir, meine Ge­schichte ihren Kindern weiter­zuerzählen. Das hat mein Leben für immer verändert. Als ich sah, was für einen Einfluss ich habe, wollte ich ihn nutzen. Und so sehr ich es liebe, anderen etwas beizubringen, ich lerne auch viel von den jungen Leuten, mit denen ich rede.

Sie besuchen Schulen und Universitäten auf der ganzen Welt. Gibt es unterschiedliche Reaktionen in den Ländern?
Nicht wirklich. Ich glaube, der Unterschied liegt eher in der Kultur. In Mexiko sind die Menschen sehr liebevoll und stürmisch, wollen mich umarmen. Hier in Deutschland seid ihr etwas reservierter. Vielleicht liegt es auch daran, dass der Holocaust hier seinen Anfang hatte. Dabei ist meine klare Botschaft: Ihr seid nicht schuldig an den Verbrechen eurer Vorfahren. Aber ihr habt die Verantwortung, es nie wieder geschehen zu lassen.

Sind Schüler*innen im Allgemeinen gut genug über den Holocaust informiert?
Tatsächlich weiß die Hälfte der Weltpopulation nicht, dass es den Holocaust gab. Ein Drittel glaubt, dass es ein Mythos ist. Vor allem die jungen Leute sind sich dem weniger bewusst. Das ist eine echte Tragödie. Daher bin ich über jede Plattform froh, die ich bekomme. Neonazis in New Jersey haben mich mal als Beispiel benutzt, um zu beweisen, dass der Holocaust eine Lüge sei. Aber anstatt böse darüber zu werden, habe ich es gegen sie benutzt. Ich erzähle Kindern von diesem Vorfall, um zu zeigen, dass sie nicht alles glauben sollen, was sie hören und sehen.

2018 gab es rund 20 Prozent mehr antisemitisch-motivierte Übergriffe in Deutschland als im Vorjahr. Fühlen Sie sich bei Ihren Besuchen hier sicher oder sind Sie schon auf feindselige Menschen getroffen?
Ja, hier in Leipzig. Ich saß im Bus und trug diese Krawatte (Er trägt eine Krawatte mit der Aufschrift „Pray for the Peace of Israel“ und einem Davidstern, Anm. d. Red.). Ein paar Menschen warfen mir sehr böse Blicke zu, woraufhin ich ausstieg. Man kann nicht zeigen, dass man Angst hat. Ich war zwar erst zweimal in Deutschland – das erste Mal in Tübingen – aber habe das Gefühl, dass Antisemitismus im Osten etwas verbreiteter ist als im Westen.

Bei diesem Besuch wurden Sie zum ersten Mal eingeladen, mit Studierenden zu reden. Was bedeutet das für Sie?
Viel. Ich kann vier Präsentationen an einem Tag geben und bin immer noch fit zum Reisen. Ich bin der jüngste Überlebende, den man treffen kann. Daher hoffe ich, dass ich noch weitere Male eingeladen werde, um mit Schülern und Studenten zu reden.

Wir sind die letzte Generation, die mit Holocaust-Überlebenden sprechen kann. Was muss in der Bildung getan werden, damit junge Menschen einen ähnlich persönli­chen Zugang bekommen?
Natürlich sollte die Generation nach den Holocaust-Überlebenden unsere Fackel weiter­tragen. Aber ihr könnt das auch: Lernt die Geschichte eines Überlebenden und personalisiert sie. Erzählt seine Geschichte weiter, aber sagt den Leuten auch, was sie mit euch gemacht hat. Was ihr daraus gelernt habt, was euch vielleicht zu einer besseren Person gemacht hat. Wenn ihr keine persönliche Geschichte habt, macht eine draus. Es gibt keinen Grund zu sagen: „Ich bin nicht direkt involviert, ich kann nichts dafür oder dagegen tun.“ Denn das könnt ihr. Ihr könnt alle einen Unterschied machen.

Im Mai kam Steigmann auf Einladung von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste nach Leipzig. (Foto: Amadeus Schulze)

Ist das der Grund, warum Sie so viel Persönliches aus Ihrem Leben erzählen, zum Beispiel von der Zeit als Obdachloser?
Unter anderem, ja. Ich bekämpfe keinen Antisemitismus, denn das schließt ja nur eine kleine Gruppe ein. Ich bekämpfe Hass. Der kann jeden betreffen. Als Beispiel: Ich wurde einmal gebeten, vor den Vereinten Nationen einen Vortrag über Muslime zu halten, für sie zu sprechen. Dabei fand ich heraus, dass in China ungefähr 15 Millionen Muslime leben. Vor zwei Jahren begann man, sie in Umerziehungslagern festzuhalten. Das ist genau genommen nichts anderes als die Konzentrationslager damals. Doch davon weiß kaum jemand. Für mich war es gewissermaßen eine Win-Win­Situation: Ich konnte über das reden, was mir wichtig ist – der Holocaust – und ich konnte im Namen dieser Muslime ihre Geschichte weitererzählen. Es ist also wichtig, sich nicht nur zu informieren, sondern auch Taten folgen zu lassen.

Kennen Sie Rammstein?
Nein.

Die deutsche Band hat ein Musikvideo veröffentlicht, in dem sie unter anderem in KZ-Häftlingskleidung und mit einem Strick um den Hals am Pranger steht. Der Liedtext selbst distanziert sich klar vom Antisemitismus, es geht eher um den Zwiespalt, Deutschland als Heimat zu lieben und gleichzeitig für seine Vergangenheit zu hassen. Geht das trotzdem zu weit?
Ob ich mich angegriffen fühle, ist erstmal gar nicht wichtig. Sobald auch nur eine Person sich angegriffen fühlt, muss diese Person aktiv werden und etwas unternehmen. Sich nur darüber aufzuregen, verändert nichts. Nach zwei Wochen ist das Thema wieder gegessen. Unternehmt etwas!

Aber wie weit darf Kunst gehen, um Geschichte zu verarbeiten, darzustellen? Es gibt ja jetzt auch eine Graphic Novel zum Tagebuch der Anne Frank.
Ich begrüße jede Form, die eine positive Botschaft rüberbringt und dazu beiträgt, den Hass in der Welt zu beseitigen. Ist die Botschaft negativ, dann nicht.

Müssen Sie sich manchmal selbst an Ihre positiven Botschaften erinnern?
Nein, ich lebe sie schon längst.

Wie?
Es geht auch um Worte. Ich rede nie von Problemen, sondern von Herausforderungen. Positive Worte führen zu einer positiven Einstellung, die zu positiven Erfahrungen führt.

Ist Optimismus der einzige Weg, mit so einer Vergangenheit zu leben?
Ja. Ich habe mich nie gefragt: „Warum ich?“ Meine Frage war immer: „Was kommt als nächstes?“ Es geht immer nur vorwärts. Du kannst nichts an der Vergangenheit ändern. Ich stecke nicht in ihr fest und ich bin nicht, was mir passiert ist. Ich verweile nicht auf der Tatsache, dass ich obdachlos war. Ich habe Dinge daraus gelernt, die andere nie lernen werden. Ich nutze diese Erfahrung und mache sie Teil meiner Präsentation. Ich will kein Mitleid. Es ist eine Botschaft der Hoffnung, die ich habe. Es ist auch wichtig, Verantwortung für die eigenen Taten zu übernehmen. Es ist so leicht, die Schuld auf andere zu schieben, aber das sollte man nie tun. Steh zu deinen Fehlern, lern aus ihnen und mach weiter.

Sie glauben an ein Konzept namens Bashert (dt. „vorherbestimmt“), was besagt, dass alles aus einem bestimmten Grund geschieht. Können Sie dafür ein Beispiel geben?
Absolut. Ich lebe in New York unter der Armutsgrenze. Aber selbst wenn ich viel Geld hätte, hätte ich nie im Leben gedacht, dass ich irgendwann zwei Stiftungen haben würde. Ich hatte keine Idee, wie man so etwas startet, was man dafür braucht und so weiter. Jetzt bin ich CEO von zwei Stiftungen, die andere für mich aufgebaut haben, ohne dass ich je danach gefragt habe. Das ist Schicksal.

Was ist Ihre Bestimmung?
Meine Nachricht zu verbreiten.

Was möchten Sie unseren Leser*innen noch sagen?
Wenn ihr das lest, vermittelt meine Nachricht an andere weiter. Meine Geschichte ist eine Fähigkeit, die ihr euch aneignet und mit der ihr euch selbst zu Motivationssprechern macht. Jeder muss im Leben Herausforderungen überwinden. Somit sind wir alle Überlebende. Manche Überlebende schwierigerer Situationen, man­­­che leicht­erer Situationen.

 

Vom Englischen ins Deutsche übersetzt von Sophie Goldau.

Titelfoto: pr

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