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  • „Hier ist Gott weniger präsent, und die Familie existiert nicht“

    Alessandra Brüchner

    Das Gold und die Menschen – das Dokumentar-Theater „Brillante Saleté“ an der Schaubühne Lindenfels erzählt von Hoffnungen und Widerspruch, Dreck und Reichtum in den Goldminen Burkina Fasos.

    Hinter einem Wort verbergen sich Geschichten, Hoffnungen und Ängste: Gold. Glänzender Dreck, der sich bei genauerem Hinsehen als irreführend erweist? Oder doch das, was die Menschen am Leben hält und antreibt? Diese Zweischneidigkeit wohnt dem Gold inne und drängt sich immer wieder ins Bewusstsein, wenn die burkinisch-deutsche Theatergruppe in Frank Heuers Stück „Brillante Saleté – Glänzender Dreck“ nach Antworten sucht – darauf, was das Gold mit dem Land Burkina Faso macht, das als bedeutendster Goldexporteur des afrikanischen Kontinents gilt. Gestern und heute Abend um jeweils 21 Uhr gastiert das Ensemble an der Schaubühne Lindenfels, mit nur zwei Spielterminen in Leipzig.

    An der Goldproduktion und den Exporten ins, unter anderem, europäische Ausland verdienen Großkonzerne Millionen, in den Minen selbst schürfen Menschen nach dem Gold und tauschen harte Arbeit gegen geringe Bezahlung. Das Ensemble um Schauspieler des deutschen Fringe Ensemble und des burkinischen Slam-Kollektivs „Qu’on sonne & Voix-ailes“ zeigen mit kurzen Geschichten und Einblicken, was es bedeutet, in den Goldminen Burkina Fasos zu arbeiten. Die Frage, die sich durch das Stück trägt, ist die Suche nach einer Lösung für den Zwiespalt, dass Gold zwar Reichtum, aber auch Ungerechtigkeit bringt. Auf einer Recherchereise durch das Land konnten Regisseur Heuel und Ausstatterin Annika Ley Interviews führen und wandelten diese in ein semi-dokumentarisches Theaterstück um.

    Die Perspektiven der Menschen in den Minen übernehmen die drei deutschen und schweizerischen Darsteller und drei burkinischen Darsteller im fliegenden Wechsel. Ein mit Lametta bekleidetes Goldstück auf dem Rücken huckepack tragend erzählen die Darsteller davon, was sie dazu gebracht hat, in der Mine zu arbeiten. Eine andere Szene zeigt zwei Themen direkt nebeneinander. Linkerhand auf der Bühne liegt ein Darsteller schwer atmend auf dem Boden, in der Rolle eines Kindes, das keine Kraft mehr hat zum Weiterarbeiten. Rechterhand kaufen zwei Arbeiter blutige Binden von Frauen, die, einem Glauben folgend, Goldfunde anziehen sollen. Die Dichte und Kurzweiligkeit der Erzählungen trägt durch die Schwere der Erfahrungen der Kinder, Frauen und Männern in den Minen und betont diese hierdurch. Gleichzeitig wäre es für den Zuschauer auch zusätzlich spannend, tiefer in die emotionale Perspektive der Menschen einzudringen. Als die zwei deutsch-schweizerischen Darstellerinnen nebeneinander auf der Bühne sitzen und, sich mit der rot-braunen Erde der Mine schminkend, eine Frau porträtieren, die vor ihrem dominanten Ehemann und ihrer unnachgiebigen Familie floh, erscheint dies sehr privat und nah. Das Stück erzeugt an kaum einer anderen Stelle mehr Intimität.

    Begleitet werden die Darsteller durch einen burkinischen Musiker und durch die Bühnenbildnerin, die an einem Tisch sitzt und Zeichnungen live auf eine Videoleinwand projiziert. Manchmal übernimmt sie die Rolle einer leichten, begleitenden Visualität, mit Zeichnungen und Schlagworten. Manchmal unterstreicht sie noch stärker die dokumentarische Note des Stücks. Eine gelungene Tanzeinlage, begleitet von Musik und gesprochenem Wort, reißt mit, wenn die Darsteller die Probleme und Gedanken der Minenarbeiter aufzählen. Das Vermischen von Musik, Bild, Bewegung sowie Gesprächen und Monologen in „Brillante Saleté“ ist rund und bildet vielfältige Perspektiven ab.

    Während die persönlichen Erfahrungen der Menschen, die in und um die Minen arbeiten, durch das Stück tragen, gelingt gleichzeitig eine Mehrdimensionalität, die übergreifende Themen anreißt, wie Ungerechtigkeit im globalen Handel oder die Legitimität einer europäischen Perspektive auf lokale Probleme vor Ort in Burkina Faso. Mehr Tiefe statt mehr Perspektive könnte den Zuschauer des Stücks jedoch auch hier bereichern.

    Insgesamt besticht „Brillante Saleté“ durch Blickwechsel und Perspektiven, durch die Sprünge zwischen Medienformen und Darstellung, die aufzeigen, was Goldproduktion in Burkina Faso bedeutet, und bietet so gelungen nicht nur Unterhaltung, sondern auch die Chance zur Reflektion. Durch die Schnelligkeit verlieren sich die Fragen, aufgeworfen durch die Polarität des Goldes, trotzdem nicht – was macht das Gold mit den Menschen, und was machen sie damit?

     

    Fotos: Thilo Beu

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