• Hochschulpolitik
  • Ein „Raumschiff“ für den Botanischen Garten

    Luise Mosig

    Der Freistaat Sachsen hat ein neues Forschungsgewächshaus an das Forschungszentrum iDiv übergeben. Es soll auch den Weg für einen erneuten Exzellenzclusterantrag der Universität Leipzig ebnen.

    Edelstahltische, Messgeräte, Schleusentüren – an ein herkömmliches Gewächshaus erinnert das neue Forschungsgewächshaus des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) im Botanischen Garten der Universität Leipzig nicht. Und trotzdem sollen iDiv-Wissenschaftler hier bald Pflanzen heranziehen mit dem Ziel, das Zusammenspiel bestimmter Lebensformen in funktionierenden Ökosystemen zu entschlüsseln. Am Dienstag übergaben Vertreter des Freistaats Sachsen den symbolischen Schlüssel an iDiv-Geschäftsführer Christian Wirth und an Universitätsrektorin Beate Schücking und feierten somit die Fertigstellung der Forschungseinrichtung.

    Der Bau kostete etwa 8,7 Millionen Euro, davon stammen 5,3 Millionen Euro aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und 3,4 Millionen Euro aus Töpfen des Freistaats. Der Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB) leitete das Bauvorhaben an. Beim Richtfest Anfang letzten Jahres galt als Fertigstellungstermin noch Oktober 2018. Ursprünglich veranschlagt waren 7,8 Millionen Euro Baukosten.

    Auf über 400 Quadratmetern können die iDiv-Forscher in Zukunft im neuen Forschungsgewächshaus die Biodiversität bestimmter Ökosysteme untersuchen.

    Der Bau des Pilotprojekts im Botanischen Garten der Universität Leipzig kostete etwa 8,7 Millionen Euro.

    iDiv-Direktor Wirth nannte das mit allerlei High-Tech ausgestattete Forschungsgewächshaus während der Übergabefeier „eher ein Raumschiff als ein Gewächshaus“. Auf einer 460 Quadratmeter großen verglasten Fläche, bestehend aus zwölf Anzuchtkabinen, sollen schon bald Versuchspflanzen gezogen werden. Hochmoderne Technik reguliert naturgegebene Faktoren wie Feuchtigkeit, Temperatur oder Helligkeit vollautomatisch, sodass Forschungsreihen unabhängig von der tatsächlichen Witterung realisiert werden können. „Die wichtigste Prämisse des Bauvorhabens war maximale Flexibilität“, erklärte Staatssekretär Uwe Gaul (SPD) während seiner Rede bei der feierlichen Übergabe. „Unser Ziel war es, verschiedene Forschungsprojekte parallel zu ermöglichen.“ Auch Studien mit genetisch veränderten Pflanzen oder gefährlichen Viren und Bakterien, die unter die sogenannte Biologische Schutzstufe 2 fallen, sind im Gewächshaus geplant. Dafür sind mehrere Schleusen zwischen bestimmten Kabinen eingebaut.

    Direkt an das Gewächshaus grenzt ein Massivbau von etwa 400 Quadratmetern, in dem sich Versorgungstechnik, Umkleidebereiche für das Personal und Laborräume befinden. Außerdem sind in diesem Gebäudeteil eine Wurzelwaschanlage, eine Kühlzelle und Trockenschränke untergebracht. iDiv-Direktor Wirth beschrieb während der Übergabefeier zwei Forschungsprojekte, die im neuen Gewächshaus beheimatet sein werden: Unter dem Biologen Nico Eisenhauer, Leiter der Gruppe Experimentelle Interaktionsökologie am iDiv, soll die biologische Vielfalt im Boden erkundet werden. „Wir wissen viel über Biodiversität im Wasser oder in Regenwäldern, aber die Böden sind weltweit unerforscht“, betonte Wirth. Hauptaugenmerk bei diesem Projekt soll auf die Funktion bestimmter Tier- und Pflanzenarten innerhalb eines Ökosystems gelegt werden. Durch gezieltes Eliminieren oder Hinzufügen von Arten will die Forschungsgruppe den Geheimnissen perfekt funktionierender Bodenstrukturen auf den Grund gehen.

    Das Gewächshaus mutet an wie ein High-Tech-Raumschiff, nicht wie ein herkömmliches Pflanzenzuchthaus.

    Auf 460 Quadratmetern befinden sich zwölf Kabinen, in denen schon bald Versuchspflanzen herangezogen werden.

    Auch das Forschungsprojekt der Biologin Nicole van Dam von der Friedrich-Schiller-Universität Jena soll ins neue Gewächshaus einziehen. Die Leiterin der iDiv-Forschungsgruppe Molekulare Interaktionsökologie will die Abwehrmechanismen von Pflanzen verstehen. Dabei soll herausgefunden werden, wie genau Pflanzen ihre Nachbarpflanzen beispielsweise mit dem Aussenden von Duftstoffen vor Fressfeinden warnen.

    Der als Pilotprojekt ausgelegte Forschungsbau soll im Vergleich zu herkömmlichen Gewächshäusern besonders energieeffizient und nachhaltig funktionieren. Sowohl die CO2-Emissionen als auch die sogenannte Endenergie sollen um mindestens 50 Prozent reduziert werden. Zu diesem Zweck wurden Verschattungseinrichtungen, Isolierverglasungen, Solarkollektoren und eine Absorptionskältemaschine installiert. Beheizt wird aber vorrangig mit konventioneller Fernwärme.

    Beate Schücking, Rektorin der Universität Leipzig, begutachtet das neu erbaute Forschungsgewächshaus des iDiv im Botanischen Garten.

    Petra Förster von der Niederlassung Leipzig II des Staatsbetriebs Sächsisches Immobilien- und Baumanagement führt Medienvertreter und Gäste durch das neue Gewächshaus.

    Doch das Forschungsgewächshaus soll nicht nur konkrete wissenschaftliche Projekte realisieren, sondern dient auch als Baustein zukünftiger Finanzierungsmodelle des iDiv. Denn das Zentrum wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) getragen, die 2012 den Erstantrag der iDiv-Gründer akzeptierte und somit den Startschuss für die Entstehung gab. Nach einer Vor-Ort-Begutachtung verlängerte die DFG 2016 ihre Finanzierung um weitere vier Jahre.

    Nächstes Jahr wird eine dritte und letzte Begutachtung entscheiden, ob die DFG für die iDiv-Forschung auch bis 2024 aufkommt. Danach ist aber endgültig Schluss, denn DFG-Forschungszentren werden über maximal drei Förderperioden finanziert. Für die weitere Finanzierung scheint Rektorin Schücking mit dem iDiv als möglichen Exzellenzclusterantrag zu liebäugeln. Sogenannte Exzellenzcluster sind Forschungsprojekte, die eine Millionenförderung vom Bund erhalten mit dem Ziel, Spitzenforschung zu fördern und das internationale Ansehen deutscher Universitäten zu steigern. Die Universität Leipzig hatte sich 2017 mit dem Projekt „Adipositas verstehen“ erstmals bei der Exzellenzinitiative der Bundesrepublik beworben, doch die DFG lehnte den Antrag vergangenen September ab. „Selbstverständlich beteiligen wir uns weiter an solchen Wettbewerben“, kündigte Schücking schon damals an. Nun scheint das Exzellenzcluster iDiv langsam Gestalt anzunehmen. „Das iDiv spielt eine ganz große Rolle in unseren Überlegungen, die Exzellenzforschung an unserer Universität voranzutreiben“, erklärte Schücking am Dienstag.

    Das neue Forschungsgewächshaus wird als Pilotprojekt im Rahmen des EFRE-Projekts der Europäischen Union gesehen und soll CO2-Emissionen und die Endenergie jeweils um 50 Prozent reduzieren.

    Das neue Forschungsgewächshaus soll besonders energieeffizient und nachhaltig funktionieren.

    Während dieses iDiv-Bauvorhaben nun abgeschlossen ist, läuft ein weit größeres und teureres Projekt im Hintergrund: Bis 2020 soll auf dem Gelände der Alten Messe ein fast 5.000 Quadratmeter großer iDiv-Neubau entstehen. Derzeit ist der Forschungsverbund in die Räume der Biocity Leipzig in der Zwickauer Straße eingemietet, doch die mittlerweile über 300 Mitarbeiter brauchen mehr Platz für ihre Arbeit. In das dreistöckige Gebäude investiert der Freistaat rund 34 Millionen Euro. „Dass so große Summen fließen, ist keine Selbstverständlichkeit“, erklärte Dirk Diedrichs, Amtschef des Sächsischen Finanzministeriums, bei der feierlichen Übergabe. „Doch meiner Meinung nach ist es gut angelegtes Geld. Denn eines der Hauptanliegen des iDiv, nämlich das Eindämmen des Artensterbens, ist eine Frage von äußerster Dringlichkeit.“

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