• Wahljahr 2019
  • Alte gegen neue Deutungshoheit im Wahlkampf

    Dennis Hänel

    Uploadfilter oder Klimapolitik – junge Menschen gehen auf die Straße und verschaffen sich mithilfe des Netzes Gehör. An der Wahlurne wird abgerechnet, findet Redakteur Dennis.

    Warum sollte man denn nun schon wieder gegen Uploadfilter und für freies Internet auf die Straßen gehen, wenn die Abstimmung doch schon längst gelaufen ist und die Urheberrechtsnovelle rund um Artikel 13 durchgewunken wurde? Nun, zum einen sicherlich deshalb, weil es sich zumindest moralisch lohnt, auch auf verlorenem Posten zu kämpfen und das auch in der Gewissheit, dass es eigentlich nichts mehr zu gewinnen gibt. Zum anderen aber auch, um die Wut über eine verfehlte Politik zu kanalisieren. Doch noch viel wichtiger ist die Gewissheit, dass es neben den Demos noch eine andere Möglichkeit der Artikulation gibt – nämlich wählen gehen.

    Gerade die arrogoante Haltung den jugendlichen Wahlberechtigten gegenüber wird nachhaltig dafür sorgen, dass sich bestimmte Parteien in Zukunft ernste Gedanken machen müssen, denn die „Bots“ vergessen sicherlich nicht so schnell. Denn wenn du der Generation „Nicht-lineares Fernsehen“ erst eine ihrer kulturellen Quellen nimmst und sie dann noch diffamierst, wird sie sich wehren.

    Wie das aussieht, lässt sich zurzeit wunderbar an dem Video „Zerstörung der CDU“ des YouTubers Rezo veranschaulichen. Stattliche sieben Millionen Klicks, ein tagelang anhaltendes Medienecho, sogar Tagesschau und der Guardian berichteten. Die Union versuchte es erst mit Diffamierung und schlitterte anschließend in ein kommunikatives Desaster. Die große Volkspartei von einem 26-Jährigen gejagt und vorgeführt. Zur Wahrheit gehört natürlich auch, dass Parteien wie CDU und SPD in den letzten 60 Jahren nicht gerade wenig zum Wohlstand und dem hohen Lebensstandard beigetragen haben, was in dem Video eher untergeht.

    Doch das spielt keine Rolle mehr, wenn sich eine Bevölkerungsgruppe nicht oder nicht mehr vertreten fühlt, egal was vorher mal gewesen ist. Gleiches sieht man in einem anderen Bereich des politischen Spektrums bei den Erfolgen der AfD.

    Rezo legte direkt mit 79 weiteren YouTubern nach und forderte alle Zuschauer dazu auf, besagte Parteien nicht zu wählen. Bisher knapp zwei Millionen Aufrufe. Aufhänger, wie auch schon in dem ersten Video sind allerdings nicht die Uploadfilter, sondern die als verfehlt betrachtete Klimapolitik, welche mit den Fridays for Future-Protesten ihre eigene Protestbewegung hat, die ziemlich sauer ist, und die diese Woche auch die Universität Leipzig aufgemischt hat. Dabei brauchte es hier im Ursprung nur eine schwedische Schülerin, die freitags aus Protest den Unterricht verweigerte.

    Es wird ja mantrahaft immer wieder heraufbeschworen, die Jugendlichen seien so unpolitisch und wenn sie sich dann doch aus berechtigten Gründen engagieren, dann werden sie nicht ernst genommen – das zumindest ist die Botschaft, die ankommt. Aber vielleicht gibt es dieses Mal eine dicke Nackenschelle an der Wahlurne.

    Der letzte Satz des Videos der 80 YouTuber lautet übrigens: „Ihr habt euch keine Freunde gemacht.“ Und auch: „Geht zur Europawahl morgen! Es stehen 41 politische Parteien oder Bewegungen auf dem Stimmzettel und wegen einer fehlenden Prozenthürde kann auch eine Kleinstpartei die Chance auf den Einzug ins Europaparlament erhalten. Daher ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihr die Partei eurer Überzeugung findet, recht hoch.“

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