• Film
  • Das Leben in Reinform

    Clara Mallon

    „All My Loving“ folgt drei Geschwistern und gewährt auf stille Weise Einblicke in deren Leben. Ein einfühlsames Werk, das sich durch authentische Dialoge und ergreifendes Schweigen auszeichnet.

    „Alles, was er anfasst” heißt der dritte Abschnitt des neuen Films von Regisseur Edward Berger. Der Name spielt auf einen Glückskeks-Zettel an, auf dem steht: „Alles, was er anfasst, wird zu Gold.“ Dabei gilt dieser Satz für seinen Finder im Film eher weniger, für den Regisseur aber umso mehr. Alles, oder zumindest vieles, was Edward Berger anfasst, erregt Aufmerksamkeit in der deutschen Filmbranche. So auch „All My Loving”, der als Wettbewerbsbeitrag der Berlinale mehrere Nominierungen für den Deutschen Filmpreis 2019 erhielt. Ursprünglich mit dem Titel “Geschwister” bedacht, zeigt „All My Loving” eben dies: das Portrait dreier Geschwister, deren Leben unterschiedlicher kaum sein könnte, die einander dennoch verbunden sind und das Leben jeder für sich und doch gemeinsam beschreiten.

    Fast alles spielt sich an einem einzigen Wochenende ab, beginnend mit einem kurzen Treffen der drei. Dieses könnte harmonischer verlaufen, wurde aber scheinbar nur zur Klärung einiger Notwendigkeiten einberufen, allen voran: Wer fährt diesmal zu den Eltern? Es folgen drei Episoden, die jeweils mit einem Titel überschrieben sind und in denen die drei Protagonisten einzeln begleitet werden.

    Stefan (Lars Eidinger), ein Single mit einer jugendlichen Tochter, die aus einem One-Night-Stand hervorging, ist eigentlich Pilot. Aufgrund eines Hörschadens wird er aber nie wieder fliegen dürfen, stattdessen setzt er sich in Hotelbars und verführt Frauen mit seinem in Uniform gekleideten Charme. Der Kurztrip, den Julia (Nele Mueller-Stöfen) mit ihrem Mann Christian (Godehard Giese) nach Turin unternimmt, könnte ein italienischer Traum werden. Doch das Glück der Ehe ist nur eine Fassade, die beim Abendessen mit alten Bekannten splittert, als das Gespräch unvermeidbar auf den Sohn kommt. Schließlich ist da noch Tobias (Hans Löw), der als Familienvater den Haushalt schmeißt und nebenbei versucht, seine Abschlussarbeit fürs Studium endlich zu beenden. Doch auch, als er am Wochenende seine Eltern besucht, findet er die erhoffte Ruhe nicht, stattdessen treiben ihn die Krankheit seines Vater und allerlei andere Seltsamkeiten um.

    Ein Mann in Uniform und ein rothaariges Mädchen in rotem Kleid schauen sich an.

    Stefan (Lars Eidinger) bemüht sich um die Beziehung zu seiner Tochter (Matilda Berger).

    Verglichen mit den rasanten Themen seiner anderen Filme zeigt sich in Bergers Drama „All My Loving” eines besonders nackt und natürlich: das Leben in Reinform. Bereits in der ersten Szene offenbart sich dem Zuschauer, dass es sich um einen Film mit Liebe zum Detail handelt. Denn das Treffen im Restaurant wird aus nur einer Perspektive gezeigt, kommt ganz ohne Schnitt aus und lässt somit die unangenehme Stille besonders deutlich wirken. Diese Langsamkeit zieht sich durch den ganzen Film, die Kamera folgt den Protagonisten als stille doch ständige Beobachterin, die jede Regung der Mimik einfängt und ganz genau hinschaut. Der Schnitt lässt dabei viel Platz für den Zuschauer, was mit Blick auf den Trend zu Schnelligkeit und Reizüberfluss, dem wir für gewöhnlich ausgesetzt sind, manchmal fast überfordert. So regt „All My Loving” zum Denken an, sowohl bezüglich des Films und seiner Charaktere, als auch in Hinblick auf das eigene Leben. Lässt man sich darauf ein, können einige Szenen ergreifend wirken, so etwa Julias Zusammenbruch im Hotelbadezimmer; andere gewollt komisch, zum Beispiel wenn Stefan zur Begrüßung an der Haustür eine schmetternden Ohrfeige bekommt, als er nach seiner Tochter sehen will.

    Teils macht die offenbar angestrebte Authentizität der Gespräche einen lächerlichen Eindruck, vielleicht sind Gespräche aber manchmal auch so. Jedenfalls wirken die Figuren überzeugend, man nimmt ihnen ihre Eigenheiten ab und dankt ihnen ihre Imperfektion ─ auch wenn man sich ab und zu an den Kopf greifen möchte, wenn Julia dem Straßenhund wieder einmal wie besessen hinterherläuft. Doch dies macht eben den Charme des Films aus: Man glaubt, alles zu wissen, aber die Details und Feinheiten geraten erst Stück für Stück an die Oberfläche. Es gibt keine Dialoge, die extra für das Verständnis geführt werden. Stattdessen stellt alles einen Einblick in drei Leben dar, die einfach so weiterlaufen, ohne darauf zu achten, wer zuschaut. Es überrascht an dieser Stelle nicht, dass keine großen Geschehnisse, keine spannenden Actionszenen zu erwarten sind. Vielmehr zeigt sich hier das alltägliche Leben von einer verletzlichen und schmerzlichen Seite. Im Vergleich erscheint der letzte Abschnitt des Filmes, der auf die drei Episoden der Geschwister folgt, mit seiner erlösenden Wirkung etwas zu klischeebehaftet.

    Ein dunkelhaariger Mann im gelben Karohemd hält ein Glas auf dem Kopf und eins am Mund, ein Blonder neben ihm hat den Mund geöffnet.

    Tobias (Hans Löw) tut sich schwer damit, sein Studium abzuschließen.

    „All My Loving” kann wohl besonders die Liebhaber des Details und der Filmkunst für sich begeistern, die einmal eine ernsthaftere Seite des deutschen Kinos betrachten möchten. Wer aber Spannung und gute Unterhaltung sucht, sich eben gerade einmal nicht mit den Problemen des Alltags auseinandersetzen möchte, der wird sich in Edward Bergers neuem Film vielleicht sogar langweilen.

    Ab 23. Mai im Kino

    Fotos: Jens Harant / Port au Prince Pictures

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