• Wissenschaft
  • Buntstifte und Mauerfall im Audimax

    Hannah Niederfeld

    Kinder von acht bis zwölf Jahren bekommen bei Vorlesungen der Kinderuniversität die Möglichkeit, Uni-Luft zu schnuppern. Am Freitag stand das Thema „Friedliche Revolution“ auf dem Programm.

    Freitag, 17 Uhr. Studierende drängeln sich durch die Türen des Audimax der Universität Leipzig und nehmen in dem großen Hörsaal Platz. Einige halten Buntstifte in ihren Händen und bemalen eifrig das Papier, das vor ihnen liegt. „Hallo, hallo! Herzlich Willkommen liebe Studierende!“, begrüßt eine ehrenamtliche Helferin der Kinderuni die Anwesenden. „Hallo, hallo!“ kreischen ungefähr zweihundert Kinderstimmen zurück. Dies ist bereits die dritte Vorlesung in diesem Semester, die im Rahmen der Kinderuni stattfindet. Die Veranstaltung trägt den Titel „Keine Gewalt!“ und behandelt die Friedliche Revolution in Leipzig, die sich 2019 zum dreißigsten Mal jährt. Heute ist Juliane Thieme vom Archiv Bürgerbewegung Leipzig die Dozentin. Sie ist Historikerin und hat Erfahrung im Bereich der Bildungsarbeit. Dies ist ihre erste Vorlesung für Kinder. „So anschaulich wie möglich, mit vielen Bildern und Filmausschnitten“ will sie die Veranstaltung gestalten.

    Juliane Thieme beantwortet geduldig alle Fragen der kleinen Studierenden. (Foto: as)

    Bei der Frage, ob sie das an die Wand projizierte Bild wiedererkennen, schnellen alle Kinderhände in die Höhe. Es handelt sich um das Wandbild am Marriott Hotel in der Leipziger Innenstadt, welches die Montagsdemonstrationen zu DDR-Zeiten abbildet. Dann ist ein Bild der Nikolaisäule zu sehen und wieder befinden sich fast alle Hände in der Luft. Thieme erklärt, dass dieser Ort ein wichtiger Schauplatz der Friedlichen Revolution war, da die Menschen hier gegen das System der DDR demonstriert haben. Zu Beginn erzählt Thieme den Kindern etwas über die Arbeit des Archivs und erklärt, welche Art von Informationen hier zu finden sind. Dann berichtet sie von den Demonstrationen gegen Umweltverschmutzung, der Kontrolle durch den Staat und wie die Menschen sich gegen diesen auflehnten. Sie führt aus, wie immer mehr Bürgerinnen und Bürger an den Montagsdemonstrationen teilnahmen und es dann schließlich am 9. Oktober 1989 zum Fall der Mauer kam. Zeitzeugin Saskia Paul, die sich damals den Demonstrationen anschloss, ist ebenfalls anwesend. Sie erzählt von der Repression des DDR-Regimes, der Angst vor einer möglichen Verhaftung und dem Zusammenhalt unter den Demonstrant*innen. Durch Bilder, Tonaufnahmen und Filmdokumente wird die Stimmung der Demonstrationen greifbar. Die Kinder hören gespannt zu und wollen wissen, warum die Polizei die Demonstrant*innen nicht daran hindern konnte auf die Straße zu gehen, ob es möglich war in der DDR zu studieren und wie genau die Mauer gefallen ist. Nachdem alle Fragen geklärt sind und Zeitzeugin Paul mit tosendem Applaus verabschiedet wird, gibt es noch einen Ausschnitt des Films „Fritzi war dabei: Eine Wendewundergeschichte“ zu sehen.

    Keine Frage bleibt bei der Kinderuni ungestellt. (Foto: Christian Hüller / Universität Leipzig)

    Dem Koordinator der Kinderuni, Dominik Becher, geht es darum, das Interesse der Kinder an Forschung zu wecken: „Es ist vor allem die Begeisterung für Wissenschaft, die uns wichtig ist und nicht primär die Inhalte. Das Interesse für die Forschung, Universität zu erleben und Leute, die für ihr Fachgebiet brennen.“ Doch mit ihrem Angebot erreichen Becher und sein Team noch immer vor allem Kinder des Bildungsbürgertums. „Es wäre wünschenswert, dass die 850 Plätze des Audimax mit Kindern aus unterschiedlichen sozialen Schichten besetzt wären.“ Jedoch der Kinderuni aufgrund der beschränkten Ressourcen zum Anwerben von Kindern die Hände gebunden. Bei den Kindern kommen die Vorlesungen gut an: Stolz halten sie ihre „Mini-Bachelor“-Urkunden in den Händen. Der achtjährige Justus fasst nach der Vorlesung die Ereignisse der Friedlichen Revolution in Leipzig binnen Sekunden noch einmal zusammen. Elena ist zehn Jahre alt und wusste schon vorher über die Friedliche Revolution in Leipzig Bescheid. Die achtjährige Maike hat heute zum ersten Mal etwas über den Mauerfall gehört. „Es war sehr spannend! Manche Leute sind einfach ins Gefängnis gekommen und es waren so viele Leute auf den Demos!“

    Die Kinderuni findet in diesem Semester noch einmal am 24. Mai zum Thema „Sprachen Afrikas“ im Audimax statt. Kinder zwischen acht und zwölf Jahren können die Vorlesungen kostenlos besuchen, lediglich eine Online-Anmeldung ist erforderlich. Für Studierende, die älter als 12 Jahre alt sind, ist der Besuch der Vorlesungen jedoch nicht gestattet.

    Maike (8 Jahre alt) wurde durch einen Schaukasten in der Schule auf die Kinderuni aufmerksam.
    Justus (8 Jahre alt) berichtet begeistert über das, was er eben über die Friedliche Revolution gelernt hat.
    Elena (10 Jahre alt) hatte schon vorher etwas über die Friedliche Revolution gelernt.

    Titelfoto: Christian Hüller / Universität Leipzig

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