• Hochschulpolitik
  • Schlagabtausch über Meinungsfreiheit

    Rewert Hoffer

    Thomas Rauscher diskutierte mit Beate Schücking und den anderen Teilnehmern der Podiumsdiskussion "Donnerstagsdiskurs" über Meinungsfreiheit und eine angeblich entpolitisierte Generation.

    Die große Podiumsdiskussion „Donnerstagsdiskurs“, die regelmäßig im Audimax der Universität Leipzig stattfindet, zog auch gestern wieder viele Menschen in ihren Bann.

    Der Zeitpunkt für diesen Donnerstagsdiskurs zum Thema „Meinungsfreiheit – Wo beginnt sie, wo endet sie?“ konnte kaum besser gewählt sein. Das Böhmermann-Gedicht in den Medien, die fremdenfeindlichen Rauscher-Tweets an der Universität Leipzig, der Lügenpresse-Vorwurf von rechten Demonstranten, die Montags durch Dresden laufen, sind allgegenwärtig. Dementsprechend groß war der Andrang. Die Stimmung war gespannt. Als Gäste auf der Bühne waren Professor Thomas Rauscher, Universitätsrektorin Professor Beate Schücking, Tarek Abdel Al Mohamed Hassan, Referent für Antirassismus im Stura, Winfried Kluth, Professor für öffentliches Recht an der Universität Halle, sowie der emeritierte Professor für Öffentlichkeitsarbeit und PR, Professor Günter Bentele geladen.

    Thomas Rauscher, der seit einigen Monaten durch fremdenfeindliche und nationalkonservative Äußerungen auf Twitter polarisiert, sieht die Meinungsfreiheit in Deutschland in einem prekären Zustand. Seiner Ansicht nach werde der „Mainstream von einem großen Teil der Presse souffliert, die sich im Besitz der Wahrheit versteht“. Nicht nur allgemein, sondern ganz konkret in der Universität sieht Rauscher uns in eine Zeit abdriften, in der unterschiedliche Meinungen nicht mehr gefragt seien, wie es etwa in den 60er Jahren der Fall gewesen sei. Rauscher beklagt, dass gegenwärtig eine „entpolitisierte Generation“ in den Hörsälen sitze, welche sich nach Anpassung und nicht nach offenem Diskurs sehne. Er geht sogar so weit, dass er die Position der Universität, eine Empfehlung für eine Demonstration gegen Legida mit dem Verhalten offizieller Stellen der ehemaligen DDR vergleicht.

    Die anderen Diskussionsteilnehmer sehen es nicht so schlecht um die Meinungsfreiheit in Deutschland bestellt. Günther Bentele sieht im Gegensatz zu Rauscher keine Dominanz linksliberaler Berichterstattung und hebt die praktizierte Trennung von Kommentar und Nachricht in deutschen Medien hervor. Auch Beate Schücking weist darauf hin, dass niemand aus dem inneruniversitären Diskurs ausgeschlossen worden sei und dass die unverbindliche Empfehlung für Veranstaltungen gegen den Fremdenhass in Sachsen ein „Kernthema von Gesellschaft und Universität“ anspreche. Eine Universität habe jedwede Einschränkung des notwendigen „weltweiten Austausches“ zu verurteilen.

    Die Diskussion war um das Thema „Meinungsfreiheit“ angedacht, aber spätestens bei den Fragen aus dem Plenum wurde klar, dass ein sehr viel größeres Interesse an Thomas Rauscher und seinen Tweets bestand. Die Moderatorin Jessica Brautzsch von Radio mephisto 97.6 musste immer wieder auf das eigentliche Thema zu verweisen. Hierfür stand ihr Professor Kluth aus Halle zur Seite, welcher in Erinnerung rief, dass es rechtlich bei der Meinungsfreiheit und ihrer Beschränkungen Spielraum gebe und viel vom Kontext der Äußerung abhänge. Das Schwarz-Weiß- Denken anderer Donnerstagdiskursteilnehmer wies er zurück. Tarek Abdel Al Mohamed Hassan vom StuRa konnte im ersten Teil der Podiumsdiskussion auf die Angst der Studierenden verweisen und kam kurz vor Schluss zu einem angerissenen Schlagabtausch mit Rauscher, wobei er auf Chancenungleichheit und Machtstrukturen in Gesellschaft und Diskurs einging. Rauscher sprach daraufhin von einem derzeitigen „Diskriminierungswahn“ und einem „Einnisten im Unterdrückungskomplex“.

    Rauscher lud zum Ende der Diskussion all diejenigen, die seine Vorlesung besuchen, dazu ein, mit ihm in einen offenen Diskurs zu treten. Doch wieder merkte er an, dass die Studenten heutzutage einer „nicht allzu politifkfreudigen Generation“ entstammen würden.

     

    Im Vorfeld der Podiumsdiskussion hat student!-Redakteur Jonas Nayda mit Thomas Rauscher ein Interview geführt. Klickt hier.

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    Artikelfoto: Rewert Hoffer